Besser lesen auf dem Handy App Der Palast der Ewigen Jugend: Volltextsuche, Lesezeichen, Vorlesen, Offline-Lesen
Thema
Schriftgröße 18
Der Palast der Unsterblichkeit

45. Regentraum

Kapitel 45

Vierundvierzigste Szene – Regen und Traum

(Yuediao-Vorspiel – Reif am Morgenhimmel)

[Der Kaiser tritt auf.] Tief lastet Kummer, weit und neblig ist der Traum, wie viel mehr weißes Haar ist hinzugekommen? Am schmerzlichsten ist der frühe Tod der Holden, einsam durchwache ich die Nächte, gramvoll die müßigen Stunden. "Wahrhaft unerträglich ist in dieser stillen Nacht das häufige Regengeräusch, jedes Mal, wenn ich an sie unter den Neun Quellen denke, bin ich von Trauer erfüllt. Der Lampendocht ist niedergebrannt, doch ich kann nicht schlafen, in der Kälte des Süd-Palastes, wer ist noch bei mir?" Seit ich aus Shu zurückgekehrt bin, lebe ich zurückgezogen im Süd-Palast und denke jeden Tag nur an die Edle Gemahlin. Damals, als ich am Mawe-Hang das Grab neu bestatten ließ, hoffte ich, noch einmal ihre Züge zu sehen. Doch unerwartet fand ich nur eine leere Gruft, zurück blieb nur ein Duftsäckchen. Ich weiß nicht, ob sie als Unsterbliche entschwunden ist oder ob ihr Duft verweht und ihre Jade zerbrochen ist? Vergeblich wälze ich die Gedanken hin und her, wie könnte ich sie noch einmal sehen? Heute Nacht, angesichts dieses einen Hofes voll bitteren Regens und der halben Lampe voll Kummer, ist mir wahrlich elend zumute!

(Yuediao-Gangfolge – Kleiner Pfirsich rot)

Kalter Wind streift über den Regen, der die lange Nacht erschauern lässt, höre, wie ein jeder Tropfen, ein jeder Tupfer auf die Blätter der Parasolbäume trommelt. Rauschend und säuselnd, allzumal schlagen sie die wirre Traurigkeit nieder, kaum hat es aufgehört, rieselt es schon wieder. Wie ertrage ich den leeren Phönix-Vorhang, den verwehten Duft der Räucherkerzen, das einsame Sitzen, vereint mit dem Schein der einsamen Lampe – zu hassen, dass mit mir nicht jene Liebreizende den Regen hört. [Er weint.] Plötzlich gedenke ich der Freuden vergangener Tage, unaufhaltsam überkreuzen sich die Tränenspuren.

[Im Palast wird die erste Nachtwache ausgerufen. Ein junger Mann singt im Palast, der Kaiser tut, als ob er zuhört.] Ach, woher kommt dieser Gesang, der so klagend an mein Ohr dringt? Könnte es einer der alten Leute vom Birnbaumgarten sein? Ich will mich vor den Vorhang begeben, mich ans Geländer lehnen und lauschen. [Er steht auf und lehnt sich ans Geländer.] Das ist die Stimme von Zhang Yehu. Hören wir, welches Lied er singt? [Während er zuhört, schluchzt er und wischt sich die Tränen ab.] [Der junge Mann singt auf erhöhtem Ort im Palast.]

(Den Berg hinab)

Die tausend Gipfel des Shu-Weges, die uralte Pfahlstraße, hoch und steil. Heftiger Regen peitscht die Wipfel der Bäume, Windglocken und Schellengeläut schlagen wild durcheinander. Als ob sie Klage erhöben, als ob sie Trauer ausdrückten, fein und lärmend ohne Unterlass, im leeren Gebirge hallen die Laute wider, die Seele vergeht heimlich. Ein Ton wird plötzlich langsam und schwebend, ein Ton wird plötzlich hastig und bewegt. Unendliche Herzeleid, von ihnen angestachelt und emporgeholt, ins klare Lied der Shang-Tonart gegossen, die ferne Reue zu überliefern. [Im Palast wird die zweite Nachtwoche ausgerufen.] [Der Kaiser ist traurig.] Ach, das ist ja das Stück "Regen am Glöckchen", das ich selbst verfasst habe. Ich erinnere mich, wie ich einst auf dem Pfahlweg, im Regen die Glöckchen im Wind läuten hörte, und voll Schmerz an die Edle Gemahlin dachte. Daraufhin nahm ich diesen Klang und formte dieses Lied. Heute Nacht, da ich es höre, gedenke ich der Wehmut und des Jammers auf dem Shu-Weg, und das zerbricht mir noch mehr das Herz.

(Fünf schöne Klänge)

Höre den Regen am Glöckchen, die Brust ist voll Weh. Tausendfach Kummer, neu und alt, umgarnt mich, peinigt den Leidenden mit zehrender Qual. Himmel und Erde mögen alt werden, diese Reue – wer weiß darum? Hör nur, das Regenrauschen vor dem Fenster wird noch stärker. Spärlich dann dicht, leise dann laut, kaum habe ich die Augen geschlossen, da sind wieder einige Schauer vor dem Fenster, die den Traum vertreiben. [Gao Lishi tritt auf.] "Im Westpalast und Süd-Palast wuchert das Herbstgras, in der Nacht, wenn der Regen auf die Parasolbäume fällt und die Blätter sich lösen." [Er verbeugt sich.] Die Nacht ist schon tief, ich bitte Eure Majestät, zur Ruhe zu gehen. [Im Palast wird die dritte Nachtwache ausgerufen.] [Der Kaiser.] Ach, die dritte Stunde ist geschlagen. Ich will mich für eine Weile an den Tisch lehnen und niederlegen. Ach, diese Nacht! Ich frage mich, welcher Traum in meine Augen kommen mag! [Er hebt den Kopf und weint.]

(Wehmut der Begegnung)

Fern, fern ist die Trennung von Leben und Tod schon ein Jahr vergangen, die Seele kam nie in meinen Traum.

[Er legt sich schlafen.] [Gao Lishi.] Eure Majestät schläft. Ich will mich auch zur Ruhe begeben. [Er tut, als ob er abginge.] [Zwei junge Darsteller und Nebendarsteller, als Eunuchen verkleidet, treten mit Schwertern auf.] "Die heimliche Leidenschaft ist noch nicht gestillt, im Traum nahen sie dem Kaiser." [Sie knien nieder.] Eure Majestät, erwachet! [Der Kaiser erwacht und sieht sie an.] Wer seid ihr beide, woher kommt ihr? [Die Eunuchen.] Wir Diener kommen auf Befehl der Frau Yang, um Eure Majestät zu bitten.

(Fünferlei Angemessenheit)

Nur weil damals im Kriegsgetümmel die Not und das Unheil sie traf, wechselte sie heimlich in der Menge ihre Kleider und verbarg sich auf der Flucht, darum ist sie lange in der Fremde umhergeirrt. [Der Kaiser, freudig überrascht.] Ach, die Edle Gemahlin ist also nicht gestorben! Wo ist sie jetzt? [Die Eunuchen.] Weil Eure Majestät Tag und Nacht an sie denkt, von Gram und Sorge umsponnen, darum haben wir die Poststation still und rein gefegt, [Sie verneigen sich.] und hoffen, dass der kaiserliche Wagen bald dorthin fahre. Es heißt, dass sie, wie der Hirt und die Weberin, den tiefen Bund erneuern möchte, um mit dem Herrscher die unvollendete Liebe fortzusetzen.

[Der Kaiser weint.] Ich habe mich um die Edle Gemahlin in tausend Gedanken verzehrt, wer hätte gedacht, dass sie in der Poststation ist! Ihr beide, folgt mir sogleich, wir wollen noch in der Nacht hinreiten und sie zurückholen. [Die Eunuchen.] Wir gehorchen dem Befehl. [Sie führen den Kaiser hinaus.]

(Bergflachs und Hanf) [Wechsel.] Froh, die blumengleiche Gestalt zu hören, ist sie noch immer in der Menschenwelt, von Angesicht kann ich sie einladen. Eile geboten, heimlich aus dem kaiserlichen Palast durch den Doppelmauergang und die überdachte Straße, achte nicht der tiefen Nacht und der Stille, des taufrischen Windes und der Kühle, des mondlosen Dunkels und des fernen Weges. [Chen Yuanli tritt auf und hält ihn an.] Eure Majestät weilt schon lange ruhig im Süd-Palast, warum geht Ihr in tiefer Nacht in schlichter Kleidung aus? Wohin des Weges? [Der Kaiser erschrickt.]

(Barbarentafel)

Was für ein frecher Beamter ist das, der den kaiserlichen Wagen anhält und dummes Zeug redet! [Chen Yuanli.] Ich bin Chen Yuanli. Eure Majestät, kehrt schnell in den Palast zurück! [Der Kaiser zürnt.] Pah! Chen Yuanli! Damals am Mawe-Pass hast du heimlich die Soldaten aufgestachelt, die Edle Gemahlin in den Tod zu treiben. Dafür verdienst du den Tod, keine Vergebung! Heute wagst du es wieder, den kaiserlichen Wagen zu beleidigen? Herrscher und Untertan kümmern dich nicht, du wagst es, zügellos und hochmütig zu sein. [Chen Yuanli.] Wenn Eure Majestät nicht in den Palast zurückkehrt, fürchte ich, dass die Sechs Armeen wieder rebellieren könnten. [Der Kaiser.] Pah! Chen Yuanli! Du glaubst, ich hätte keine Macht, da ich müßig vom Hofe lebe? Du zeigst nur deine Stärke, die Soldaten sind stark, die Generäle übermütig. Das Reichsgesetz mag es dulden, doch die Schuld kann nicht vergeben werden! Eunuchen, schlagt diesem rebellischen Untertan den Kopf ab und stellt ihn zur Schau!

[Die Eunuchen.] Wir gehorchen dem Befehl. [Sie fassen Chen Yuanli, töten ihn und kehren um.] Eure Majestät, wir sind bereits vor der Poststation. Bitte tretet ein. [Sie verschwinden im Dunkeln.] [Der Kaiser tritt ein.]

(Schwarzer Hanf-Befehl)

Ich sehe nur eine halb verfallene, leere Hütte, öde und verlassen, nahe dieser wilden, fernen Einöde. Eunuchen, wo ist die Edle Gemahlin? [Er dreht sich um.] Ach, wie kommt es, dass niemand mehr zu sehen ist? Ich höre nur das sausende Rauschen des Windes, der die Bäume schüttelt, und das zirpende Gezippe der Heimchen an den vier Wänden, ein ganzes Feld von Kummer- und Grollkeimen. [Er weint.] O weh, meine Edle Gemahlin! Ich kann die Blumen- und Mond-Schöne nicht mehr rufen, wahrscheinlich bist du schon längst verweht und vergangen, deine Gestalt ist verschwunden, dein Schatten dahin. [Im Inneren ertönt ein Gong. Der Kaiser erschrickt.] Ach, wie seltsam! Auf einmal ist auch die Poststation verschwunden, und ich bin am Qusui-Fluss angelangt. Welch ein großes Wasser! Unverhofft sind die zerbrochenen Mauern und eingestürzten Wälle verwandelt in schäumende, brodelnde Fluten.

[Er blickt hin.] Schau, mitten im großen Wasser taucht ein Ungeheuer auf. Schweinskopf, Drachenleib, es schwingt die Tatzen, fletscht die Zähne, stürmt heran. Wie erschreckend! [Im Inneren ertönt ein Gong. Ein schweinedrachenartiges Wesen, mit einer Eisenkette um den Hals, springt auf und stürzt auf den Kaiser zu. Der Kaiser flieht entsetzt und gelangt an seinen ursprünglichen Schlafplatz zurück.] [Zwei goldgerüstete Götter mit Hämmern treten auf, schlagen auf den Schweinedrachen ein und rufen.] Pah! Ungeheuer! Welch unverschämtes Betragen! Wie konntest du wieder ausbrechen, um hier die kaiserliche Majestät zu erschrecken? Geh sofort! [Sie zerren den Schweinedrachen fort und schlagen ihn nieder.] [Der Kaiser schreit vor Schreck.] Au weh! Das hat mich zu Tode erschreckt! [Gao Lishi eilt herbei und stützt ihn.] Eure Majestät, warum habt Ihr im Traum so laut geschrien? [Der Kaiser sitzt benommen da und fasst sich.] Gao Lishi, was war das für ein Geräusch da draußen? [Gao Lishi.] Es ist der Regen auf den Parasolbäumen. [Im Palast wird die vierte Nachtwache ausgerufen.] [Der Kaiser.]

(Flussgott) [Nebenform.] Ich dachte schon, wer mich aus dem Traum schreckte – es ist nur der wilde Regen, der rauscht und säuselt. Ich hasse ihn, dass er mir am Kopfende keine Ruhe gönnt, Ton für Ton, Tropfen für Tropfen an die kalten Zweige schlägt – am liebsten ließe ich den frechen Parasolbaum fällen!

Gao Lishi, ich habe soeben im Traum zwei Eunuchen gesehen, die sagten, die Frau Yang sei in der Mawe-Poststation und ließe mich rufen. Wahrscheinlich ist ihr Geist noch nicht verweht. Ich denke daran, wie einst Kaiser Han Wudi sich nach der Frau Li sehnte und Li Shaojun ihren Geist für ihn herbeirief, um sie zu sehen. Sollte es heute nicht auch solche Leute geben? Sobald es hell wird, erlasse du einen Erlass, dass man überall nach Magiern suche, die den Geist der Edlen Gemahlin herbeirufen können. [Gao Lishi.] Ich gehorche dem Befehl. [Im Palast wird die fünfte Nachtwache ausgerufen.] [Der Kaiser.]

(Epilog)

Tränenperlen fallen wie im Regen, der Regen auf den Parasolbäumen zankt und lärmt. Nur durch ein Fenster getrennt, tropft es ununterbrochen bis zum Morgen.

Die halbe Lampe flackert noch schwach im Schein, <(Wu Rong)>

Im Regen denkt man an den Regen am Glöckchen. <(Luo Yin)>

Traurig erwacht man vom Traum von Aufstieg und Fall, <(Fanghu Jushi)>

Möchte gleich ein Schreiben senden, um im Dunklen zu fragen. <(Wei Pu)>