
Daodejing
Daodejing – der Überlieferung nach von Laotse in der Frühlings- und Herbstperiode verfasst – gilt als Gründungstext der daoistischen Lehre und zählt zu den prägnantesten und zugleich tiefgründigsten Werken der chinesischen Philosophiegeschichte. Das gesamte Buch umfasst kaum mehr als fünftausend Schriftzeichen und gliedert sich in zwei Teile, das Buch vom Dao und das Buch von der Tugend. In hochverdichteten, sentenzenartigen Formulierungen entfaltet es Grundfragen des kosmischen Ursprungs, der Staatsführung sowie der Weisheit persönlicher Lebensführung und hat damit auf Philosophie, Religion, Literatur und politisches Denken der Nachwelt einen unersetzlichen Einfluss ausgeübt.
Im Kern des Gedankengebäudes steht der Begriff des Dao als höchste Kategorie, wobei Lehrsätze wie Das Dao folgt der Natur, Regieren durch Nichthandeln und Das Sanfte besiegt das Harte betont werden. Das Werk plädiert dafür, den Gesetzen von Himmel und Erde zu folgen und menschliche Eingriffe zu vermindern. Es vereint metaphysische Überlegungen zur Entstehung und zum Wirken des Kosmos mit praktischen Anliegen der Staatslenkung, der Lebensführung und der zwischenmenschlichen Klugheit und schafft so ein System der Weisheit, das sich durch die Ablehnung von Verabsolutierungen sowie durch die Betonung von Ausgewogenheit und Maß auszeichnet.
Die Auslegungsgeschichte des Daodejing ist überaus reichhaltig: Seit der Han-Dynastie ist der Kommentar von Wang Bi am weitesten verbreitet; der Daoismus erhob es zu seinem grundlegenden kanonischen Text. Auch Konfuzianer, die Chan-Schule des Buddhismus und Literaten aller Epochen schöpften aus ihm. Seine Sprache ist knapp, vieldeutig und voller Poesie – Aussprüche wie Höchste Güte gleicht dem Wasser, Der große Klang ist klanglos oder Wer sich zu begnügen weiß, kennt keine Schande sind längst in den alltäglichen Ausdruck der chinesischen Kultur eingegangen.
Als repräsentativer Text östlicher Weisheit ist das Daodejing nicht nur ein Schlüssel zum Verständnis der chinesischen Geistesgeschichte, sondern auch ein weltweit breit übersetzter und studierter Klassiker. Wer dieses Buch liest, trifft auf wenigen Seiten auf die zeitlosen Fragen nach Sein, Ordnung, Freiheit und Maß.
