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Der Traum der Roten Kammer

Erstes Kapitel: Zhen Shiyin erblickt im Traum die wunderbare Erkenntnis; Jia Yucun in der Staubwelt gedenkt der Schönen

Kapitel 1

Erstes Kapitel: Zhen Shiyin erkennt im Traum das Göttliche; Jia Yucun gedenkt im Staub der Welt einer Edlen aus dem Frauengemach

Der Verfasser selbst sagt: Weil ich einst einen Traum durchlebt habe, verberge ich die wahren Begebenheiten und verfasse, gestützt auf die Rede vom Göttlichen, dieses Buch „Die Geschichte vom Stein“. Daher heißt es: „Zhen Shiyin erkennt im Traum das Göttliche“. Doch was wird in dem Buch berichtet, und warum wurde es geschrieben? Er selbst sagt weiter: Heute, müßig und ohne Erfolg im Staub der Welt, denke ich plötzlich an alle jene Frauen von damals zurück, überlege eine nach der anderen genau und finde, dass ihr Benehmen, ihre Worte, ihre Einsicht und ihr Wissen alle über dem meinen liegen. Warum bin ich, ein stattlicher Mann, diesen Frauen unterlegen! Wahrlich, ich schäme mich über die Maßen, und Reue nützt nichts mehr; ach, es sind Tage der Ausweglosigkeit! In dieser Zeit möchte ich das, worauf ich mich einst verließ – oben die Gnade des Himmels, unten die Güte der Ahnen, in Seide und Feinstem, bei Überfluss an Reichtum und Ehre –, wie ich die Erziehung der Eltern missachtete, die Ermahnungen der Lehrer vergaß, bis ich heute ohne eine einzige Leistung, halb gescheitert dastehe, als einen Bericht niederschreiben und der ganzen Welt unter dem Himmel kundtun. Meine Schuld kann ich zwar nicht tilgen, doch im Frauengemach gab es seit jeher viele hervorragende Persönlichkeiten; auf keinen Fall darf ich um meiner eigenen Untauglichkeit willen meine Fehler verdecken und zugleich ihre Taten dem Untergang und Vergessen preisgeben. Obwohl ich heute in einer armseligen Hütte mit Strohdach und Bambusfenstern, bei Lehmherd und Seilbett lebe, so haben doch die Schönheit der windigen Morgen und mondhellen Abende, die Weiden am Hof und die Blumen im Garten meinen Geist und meine Feder nicht beeinträchtigt. Zwar habe ich nie gelernt, und meine Niederschrift entbehrt der literarischen Eleganz, doch warum sollte ich nicht mit erdachten Worten und einfachen Reden eine Geschichte ausbreiten und darlegen, um die Ohren und Augen der Menschen zu erfreuen? Daher heißt es: „Im Staub der Welt gedenkt er einer Edlen aus dem Frauengemach“. Dies ist der eigentliche Sinn des Mottos zum ersten Kapitel. Gleich zu Beginn heißt es „Im Staub der Welt gedenkt er einer Edlen aus dem Frauengemach“, und so weiß man, dass die ursprüngliche Absicht des Verfassers war, die Freundinnen und die Freundschaften im Frauengemach jener Tage festzuhalten, und nicht, über den Weltenlauf zu klagen oder die Zeitereignisse zu tadeln. Obwohl hier und da die Sitten und Verhältnisse der Welt berührt werden, so ist dies doch unvermeidlich und nicht der eigentliche Zweck; der Leser möge dies unbedingt beachten. Ein Gedicht sagt:

Ein flüchtig Leben, warum so mühevoll gehetzt? Das prächtige Mahl, die festliche Tafel, am Ende zerstreut es sich. Freud und Leid, tausendfach, gleich Traum und Dunst; Vergangenheit und Gegenwart, ein Traum, ganz eitel und wüst. Rede nicht von den Tränenspuren am roten Ärmel, der Schwere; mehr noch gibt es den im Liebeswahn, der lang sein Leid beklagt. Jedes Wort, sieh, ist wie Blut; zehn Jahre Mühsal, nicht alltäglich!

Ihr verehrten Herren Leser, wisst ihr, woher dieses Buch stammt? Seinen Ursprung zu erzählen, mag zwar an das Abenteuerliche grenzen, doch bei genauer Betrachtung liegt tiefer Reiz darin. Lasst mich diesen Ursprung erklären, damit der Hörer klar sieht und nicht in Zweifel gerät.

Einst, als die Göttin Nüwa den Himmel mit geschmolzenen Steinen flickte, formte sie am Großen Wilden Berg, am Klippenriff des Nichtigen, 36.501 plumpe Steine von zwölf Zhang Höhe und vierundzwanzig Zhang im Quadrat. Die Göttin Nüwa verwendete nur 36.500 Stücke; ein einziges blieb übrig und wurde nicht gebraucht. Sie warf es am Fuß des Blaugratenfelsens dieses Berges weg. Wer hätte gedacht, dass dieser Stein, nachdem er durch das Schmelzen gegangen war, bereits Geist und Empfindung erlangt hatte? Weil er sah, dass alle anderen Steine zur Himmelsflickung taugten, nur er allein, unfähig, nicht ausgewählt worden war, begann er sich selbst zu beklagen und zu seufzen, Tag und Nacht zu weinen und sich zu schämen.

Eines Tages, als er so in Klagen und Trauer versunken war, sah er plötzlich von weitem einen Mönch und einen Taoisten daherkommen. Sie hatten ungewöhnliche Gebeine und einen erhabenen, anderen Ausdruck. Redend und lachend kamen sie zum Fuß des Felsens, setzten sich neben den Stein und unterhielten sich angeregt und laut. Zuerst sprachen sie von Wolkenbergen und Nebelmeeren, von übernatürlichen und taoistischen Wunderdingen, danach kamen sie auf den Ruhm und Reichtum in der roten Staubwelt zu sprechen. Dieser Stein hörte zu, und unwillkürlich regte sich in ihm der weltliche Sinn; auch er wollte hinab in die Menschenwelt, um diesen Ruhm und Reichtum zu genießen. Doch er beklagte seine Grobheit und Dummheit; notgedrungen begann er in menschlicher Sprache zu reden und sprach zu dem Mönch und dem Taoisten: „Meister! Euer Schüler ist ein dummes Ding und kann keine Ehrerbietung erweisen. Eben hörte ich, wie die beiden Herren von der Herrlichkeit und Pracht der Menschenwelt sprachen; in meinem Herzen sehne ich mich tief danach. Euer Schüler ist zwar von grobem und dummem Wesen, doch sein Gemüt ist etwas durchlässig für das Göttliche. Zudem sehe ich, dass die beiden Meister von himmlischer Gestalt und taoistischem Leib sind; sicherlich seid ihr keine gewöhnlichen Wesen und habt die Fähigkeit, den Himmel zu flicken und der Welt zu helfen, sowie die Tugend, den Dingen zu nützen und den Menschen zu helfen. Wenn ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigt und euren Schüler in die rote Staubwelt bringt, damit er einige Jahre in der Stätte des Reichtums und der Ehren, im Gemach der Zärtlichkeit genießen kann, so will ich euch ewig für die große Gnade danken, durch zehntausend Kalpas hindurch nicht vergessen.“ Die beiden Meister hörten zu und lachten gemeinsam einfältig: „Vortrefflich, vortrefflich! In der roten Staubwelt gibt es zwar einige Freuden, aber sie sind nicht von Dauer. Zudem hängen eng die acht Worte ‚Schönheit hat Makel, gutes Glück bringt Dämonen‘ daran; im Nu wandelt sich die höchste Freude in Leid, Menschen wechseln, Dinge vergehen, am Ende ist alles ein Traum, zehntausend Zustände kehren zur Leere zurück. Besser, du gehst nicht hin.“ Die weltliche Begierde dieses Steins war bereits entbrannt; wie hätte er diese Worte hören mögen? So bat er wiederholt und inständig. Die beiden Unsterblichen wussten, dass sie ihn nicht mit Gewalt hindern konnten, und seufzten: „Auch das ist die Bestimmung, dass die Stille sich nach Bewegung sehnt und aus dem Nichts Etwas entsteht. Da es so ist, wollen wir dich mitnehmen, damit du genießen kannst. Nur bereue es ja nicht, wenn es dir nicht nach Wunsch ergeht!“ Der Stein sprach: „Natürlich, natürlich.“ Der Mönch sagte weiter: „Was deine Geisteskraft betrifft, so bist du doch von so plumper Gestalt und hast nichts besonders Wertvolles. So könntest du nur als Fußabstreifer dienen. Nun gut, ich will dir mit meiner großen buddhistischen Kraft helfen; wenn die Zeit der Heimsuchung zu Ende ist, sollst du wieder deine ursprüngliche Gestalt annehmen, um diesen Fall abzuschließen. Was sagst du dazu? Ist das gut?“ Der Stein hörte es und dankte über alle Maßen. Der Mönch sprach Zaubersprüche und zeichnete magische Zeichen, entfaltete große Zauberkunst und verwandelte den großen Stein im Nu in einen hellen, glänzenden, reinen Edelstein, und dazu verkleinerte er ihn auf die Größe eines Fächergehänges, so dass man ihn am Gürtel tragen und in der Hand halten konnte. Der Mönch legte ihn auf seine Handfläche und lachte: „Von der Gestalt her ist er nun ein Schatz! Aber er hat noch keinen wirklichen Wert; man muss noch ein paar Zeichen eingravieren, damit jeder, der ihn sieht, sofort weiß, dass es ein Wunderding ist, das wäre gut. Dann bringe ich dich in ein blühendes, glanzvolles Reich, in eine Familie von Dichtkunst und Riten, von Amt und Würden, an einen Ort mit Blumenpracht und Brokat, in ein Land der Sanftmut und des Reichtums, damit du dort zur Ruhe kommst und dein Glück genießt.“ Der Stein hörte es und war außer sich vor Freude; er fragte: „Ich wüsste nicht, welche wunderbaren Eigenschaften Euer Schüler hat, und auch nicht, wohin Ihr mich bringen werdet? Ich bitte um klare Belehrung, damit Euer Schüler keinen Zweifel hegt.“ Der Mönch lachte und sprach: „Frage jetzt nicht; später wirst du es von selbst verstehen.“ Damit steckte er den Stein in seinen Ärmel und ging mit dem Taoisten dahin, fortgeweht; man wusste nicht, wohin sie sich wandten.

Später, nachdem wieder viele Weltzeitalter und Kalpas vergangen waren, kam der Leere-Leere-Mann vorbei, als er auf der Suche nach dem Tao und der Unsterblichkeit war. Plötzlich ging er am Großen Wilden Berg, am Klippenriff des Nichtigen, am Fuß des Blaugratenfelsens vorbei und sah auf einem großen Stein deutlich Schriftzeichen, die eine klare Erzählung darstellten. Der Leere-Leere-Mann las von Anfang an; es war die Geschichte eines Steins, der, unfähig, den Himmel zu flicken, in verwandelter Gestalt in die Welt eintrat, von dem Unermesslichen Großen und dem Unendlichen Wahren in die rote Staubwelt gebracht wurde, und dort alle Wechselfälle von Trennung und Vereinigung, Freud und Leid, Kälte und Wärme der Welt durchlebte. Dahinter stand ein Gatha:

Unfähig, den blauen Himmel zu flicken,

Verbrachte ich umsonst so manches Jahr in der roten Welt!

Dies sind die Begebenheiten vor und nach meinem Dasein;

Wem soll ich sie senden, dass er sie als göttliche Botschaft verbreite?

Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Ortes, wohin dieser Stein gefallen war, und der Familie, in die er sich verkörpert hatte, sowie die von ihm selbst erlebten vergangenen Begebenheiten. Darin waren die häuslichen und die Frauengemach-Angelegenheiten, so wie die Mußestunden-Gedichte und Lieder vollständig enthalten; vielleicht konnten sie zur Unterhaltung und Zerstreuung dienen. Jedoch die Zeit der Dynastie, die Jahreszahlen, die Länder und Staaten – diese waren dagegen verloren und nicht mehr zu ermitteln.

Der Mönch der Leere sprach daraufhin zum Stein: „Steinbruder, diese Geschichte von dir, wie du selbst sagst, sie habe einigen Reiz, deshalb hast du sie hier niedergeschrieben, um sie der Welt zu übergeben und sie berühmt zu machen. Meiner Ansicht nach fehlt ihr erstens eine nachprüfbare Angabe über Dynastie und Zeit, und zweitens enthält sie keine großen Taten weiser Herrscher oder treuer Minister, die das Reich ordnen und die Sitten verbessern. Sie handelt nur von ein paar ungewöhnlichen Frauen, die entweder voller Liebe oder Verblendung sind, oder ein wenig Begabung oder Güte besitzen, aber nicht die Tugend oder Fähigkeit einer Ban Gu oder Cai Yan haben. Selbst wenn ich sie abschriebe, fürchte ich, die Welt würde sie nicht lieben.“ Der Stein antwortete lächelnd: „Mein Lehrer, wie kannst du nur so verblendet sein! Wenn es heißt, es gebe keine Dynastie zur Bestätigung, was wäre dann so schwer daran, dass du, mein Lehrer, nun zum Beispiel die Han- oder Tang-Dynastie als Zeitangabe hinzufügst und sie damit ausschmückst? Aber ich denke, die inoffiziellen Geschichtswerke aller Zeiten folgen stets einem gleichen Muster. Es ist besser, dieses Muster nicht zu übernehmen, dann wirkt es neu und eigenartig, indem man nur die wesentlichen Umstände und die innere Logik der Dinge nimmt. Warum sollte man sich an Dynastien und Zeiten klammern! Außerdem lieben die einfachen Leute nur selten Bücher über Staatsführung, sondern weit mehr unterhaltsame und entspannende Schriften. Die inoffiziellen Geschichten aller Zeiten verleumden manchmal Herrscher und Minister, manchmal setzen sie fremde Frauen und Töchter herab; Bosheit und Ausschweifung sind unzählbar. Noch schlimmer sind die Werke über Liebesabenteuer, die mit Unzucht und Schmutz erfüllt sind, die Schriften vergiften und die Jugend verderben – auch diese sind unzählbar. Was die Bücher über begabte Jünglinge und schöne Mädchen betrifft, so sind tausend Werke nach demselben Schema gestrickt, und am Ende können sie doch nicht vermeiden, in Unzucht zu verfallen, sodass die Seiten voll sind von Pan An, Zi Jian, Xi Zi und Wen Jun. Der Autor will nur seine eigenen Liebesgedichte und schönen Verse anbringen, also erfindet er die Namen eines Mannes und einer Frau und stellt sicher, dass daneben eine unbedeutende Person auftritt, die Zwietracht sät, ähnlich wie eine komische Figur im Theater. Und die Dienstmädchen sprechen vom ersten Wort an in der Gelehrtensprache, reden nur über Literatur oder Prinzipien. Wenn man sie alle durchgeht, sind sie voller Widersprüche und völlig unvernünftig. Besser ist, was ich in meinem halben Leben selbst gehört und gesehen habe von diesen wenigen Frauen. Auch wenn ich nicht behaupte, dass sie stärker sind als alle Gestalten in früheren Büchern, so können ihre wahren Geschichten doch Kummer und Langeweile vertreiben, und ein paar schlechte Gedichte und alltägliche Reden können zum Lachen beim Essen und Trinken dienen. Was Trennung und Wiedervereinigung, Freude und Leid, Aufstieg und Niedergang betrifft, so folge ich den Spuren der Ereignisse, ohne mir im Geringsten etwas hinzuzudichten oder zu verfälschen, nur um die Leute zu unterhalten, während die wahre Überlieferung verloren geht. Die Menschen von heute, die Armen, sind täglich mit Nahrung und Kleidung belastet, die Reichen hegen unersättliche Wünsche; selbst wenn sie einmal etwas Muße haben, sind sie doch mit Wollust, Liebe, Geldgier und der Suche nach Zerstreuung beschäftigt; wo sollten sie die Zeit hernehmen, um Bücher über Staatsführung zu lesen? Deshalb will ich mit meiner Geschichte nicht, dass die Welt sie bewundert oder für wunderbar hält, noch verlange ich, dass die Leute sie gern lesen. Ich wünsche nur, dass sie, wenn sie in Trunkenheit oder satter Ruhe sind, oder wenn sie der Welt entfliehen und den Kummer vergessen wollen, dies zur Hand nehmen und sich damit vergnügen, um so ein wenig Lebenszeit und Kraft zu sparen. Das ist besser, als sich mit jenen herumzuschlagen, die nach Schatten und nichtigen Dingen jagen, und erspart den Schaden von Geschwätz und Streit und die Mühe des Laufens. Außerdem sollen die Leute einen neuen Anblick bekommen, nicht wie jene alten Manuskripte, die voll sind von willkürlichen Verknüpfungen, plötzlichen Begegnungen und Trennungen, und auf jeder Seite talentierte Jünglinge und edle Frauen wie Zi Jian, Wen Jun, Hong Niang und Xiao Yu, die alle abgedroschen sind. Was meint mein Lehrer dazu?“

Als der Mönch der Leere dies hörte, dachte er eine Weile nach und durchsah das „Steinbuch“ noch einmal. Da er sah, dass es zwar einige Anklagen gegen Schmeichler, Tadel gegen Böse und Verurteilung von Heimtücke enthielt, aber nicht die Absicht hatte, die Zeit zu verletzen oder die Welt zu beschimpfen; und was die Beziehungen von Herrscher und Minister, Vater und Sohn, Ehemann und Ehefrau betraf, so wurden überall, wo die menschlichen Beziehungen berührt wurden, Verdienste gepriesen und Tugenden gerühmt, mit unendlicher Zuneigung; es ließ sich wirklich nicht mit anderen Büchern vergleichen. Obwohl der Hauptgegenstand die Liebe war, war es doch nur die getreue Aufzeichnung der Tatsachen, nicht vergleichbar mit jenen Werken, die auf erfundenen Behauptungen beruhen und sich in wollüstigen Verabredungen und heimlichen Liebesbündnissen ergehen. Da es in keiner Weise die Zeitläufte berührte, schrieb er es von Anfang bis Ende ab und gab es der Welt weiter. Von da an sah der Mönch der Leere aus der Leere die Form, aus der Form entstand Liebe, er trug die Liebe in die Form, und aus der Form erkannte er die Leere; daraufhin änderte er seinen Namen in Liebesmönch und nannte das „Steinbuch“ in „Aufzeichnungen des Liebesmönchs“ um. Bei Wu Yufeng erhielt es den Titel „Der Traum der Roten Kammer“, und bei Donglu Kong Meixi den Titel „Der Spiegel der Liebesabenteuer“. Später, als Cao Xueqin es zehn Jahre lang im „Trauernden Roten Pavillon“ durchgesehen, fünfmal ergänzt und gestrichen, in ein Inhaltsverzeichnis gebracht und in Kapitel eingeteilt hatte, gab er ihm den Titel „Die zwölf Schönheiten von Jinling“ und fügte ein kurzes Gedicht hinzu:

„Voller Seiten mit unsinnigen Reden,

Ein Händchen voll bitterer Tränen!

Alle sagen, der Autor sei verblendet,

Wer aber versteht den Geschmack darin?“

Einst, als die Erde im Südosten einbrach, gab es in jener südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu, darin eine Stadt namens Changmen, die war der vornehmste und reichste Ort der Welt der Menschen. Vor dem Changmen-Tor gab es eine „Zehn-Meilen-Straße“, in dieser Straße eine Gasse namens Renqing, und in dieser Gasse einen alten Tempel. Weil der Ort so eng war, nannten ihn die Leute „Kürbis-Tempel“. Neben dem Tempel wohnte eine Landadelsfamilie mit dem Familiennamen Zhen, der Vater hieß Fei, mit dem Höflichkeitsnamen Shiyin. Seine rechtmäßige Gattin hieß Feng, von sanfter und tugendhafter Art und tief in den Sitten bewandert. Obwohl die Familie nicht sehr reich war, galt sie doch in der Gegend als angesehen. Weil dieser Zhen Shiyin von Natur aus gelassen und weltabgewandt war, keinen Wert auf Ruhm und Karriere legte, sondern sich täglich nur am Blumenbetrachten, Bambuspflanzen, Weintrinken und Gedichtemachen erfreute, glich er einem Unsterblichen. Nur eines fehlte: Er war bereits fünfzig Jahre alt und hatte keinen Sohn, sondern nur eine Tochter, deren Milchnamen Yinglian hieß, und die war erst drei Jahre alt.

Eines Tages, im langen Sommer, saß Shiyin müßig in seinem Studierzimmer. Als ihm die Hand vom Lesen ermüdete, legte er das Buch beiseite, stützte sich auf den Tisch und ruhte ein wenig. Unbemerkt dämmerte er in einen Traum hinüber. Er träumte von einem Ort, den er nicht erkennen konnte. Plötzlich sah er von dort einen Mönch und einen Daoisten kommen, die im Gehen miteinander sprachen. Der Daoist fragte: „Du hast dieses dumme Ding mitgenommen; wohin willst du damit gehen?“ Der Mönch antwortete lächelnd: „Sei unbesorgt! Es gibt jetzt eine Liebesangelegenheit, die abgeschlossen werden muss. Die Schar der Liebenden ist noch nicht in die Welt hineingeboren. Nutze die Gelegenheit, dieses dumme Ding mit hineinzustecken, damit es Erfahrungen sammeln kann.“ Der Daoist sagte: „Ach, so sollen also wieder einmal Liebeshändel einen Schicksalsschlag herbeiführen und die Welt durchleben? Aber ich frage mich, wo sie hinkommen werden?“ Der Mönch antwortete lächelnd: „Diese Sache ist zum Lachen, sie ist ein seit tausend Jahren unerhörtes Wunder. Denn am Ufer des Westlichen Geisterflusses, neben dem Stein der Dreifachen Wiedergeburt, wuchs ein Purpurgras. Damals goss der Geistige Diener des Roten Juwelen-Palastes es täglich mit süßem Tau, sodass das Purpurgras lange Zeit überdauern konnte. Später, als es die Essenz von Himmel und Erde empfangen hatte und von Regen und Tau genährt wurde, vermochte es seine pflanzliche Gestalt abzulegen und menschliche Form anzunehmen. Es verwandelte sich in einen weiblichen Körper und schweifte täglich außerhalb des Himmels der Abschiedsschmerzen umher; wenn es hungerte, aß es Honig-Pflaumen-Früchte, wenn es durstete, trank es Kummer-Meer-Wasser. Weil es die Gnade der Bewässerung noch nicht vergolten hatte, ballte sich in seinem Innern eine unendliche, sehnsüchtige Zuneigung zusammen. Zufällig entbrannte in diesen Tagen das weltliche Verlangen des Geistigen Dieners des Roten Juwelen-Palastes. In diesem hellen und friedlichen Zeitalter wollte er zur Welt hinabsteigen, um eine illusorische Liebesbeziehung zu erleben, und hatte sich bereits bei der Fee der Warnung vor Illusionen angemeldet. Die Fee hatte ihn gefragt, und da die Bewässerungsschuld noch nicht beglichen war, bot sich hier die Gelegenheit, sie zu tilgen. Die Purpurgras-Fee sprach: ‚Er hat mir die Gnade des Taus erwiesen, ich habe kein Wasser, es ihm zu erwidern. Da er als Mensch zur Welt geht, will auch ich als Mensch zur Welt gehen; aber ich will ihm mein ganzes Leben lang nur meine Tränen geben, damit bin ich wohl quitt.‘ Durch diese eine Sache wurden so viele Liebespaare herbeigelockt, die sie begleiten, um diesen Fall abzuschließen.“ Der Daoist sagte: „Wahrhaftig unerhört! Ich habe noch nie von der Redeweise gehört, Tränen zurückzuzahlen. Diese Geschichte scheint noch weit verwickelter und feiner zu sein als alle bisherigen Liebesgeschichten.“ Der Mönch sagte: „Die Liebesleute früherer Zeiten wurden meist nur in ihren Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert; was aber das tägliche Leben in den Frauengemächern betrifft, Essen und Trinken, so wurde nie etwas aufgezeichnet. Außerdem handelten die meisten Liebesgeschichten nur von heimlichen Rendezvous und heimlicher Flucht, ohne auch nur einen Hauch der wahren Gefühle von Mädchen und Jünglingen wiederzugeben. Ich denke, wenn diese Schar in die Welt kommt, werden die Liebesnarren, die Wollüstigen, die Weisen und die Törichten alle anders sein als die in früheren Überlieferungen.“ Der Daoist sagte: „Warum steigen nicht auch wir zur Welt hinab und erlösen ein paar, wäre das nicht ein gutes Werk?“ Der Mönch antwortete: „Das ist genau mein Gedanke. Komm, geh mit mir zum Palast der Fee der Warnung vor Illusionen und übergib das dumme Ding ordnungsgemäß. Wenn diese Schar von Liebesdämonen zur Welt hinabgestiegen ist, können wir uns auf den Weg machen. Schon die Hälfte ist hinabgefallen, aber noch nicht alle versammelt.“ Der Daoist sagte: „Wenn dem so ist, so will ich mit dir gehen.“

Als Zhen Shiyin alles genau gehört hatte, wusste er jedoch nicht, was das erwähnte „törichte Ding“ war. Deshalb trat er unvermittelt vor, verbeugte sich und fragte lächelnd: „Ich grüße die beiden geehrten Unsterblichen.“ Der Mönch und der Daoist erwiderten eilig die Begrüßung und fragten zurück. Shiyin sagte darauf: „Eben habe ich die Erörterung von Ursache und Wirkung durch die Unsterblichen gehört, was in der Menschenwelt wahrlich selten zu vernehmen ist. Doch ich, der Schüler, bin dumm und wirr im Kopf und kann es nicht klar durchschauen. Wenn ihr die Gnade hättet, meine törichte Beschränktheit zu öffnen und mir alles ausführlich mitzuteilen, würde ich ehrfürchtig lauschen und könnte, etwas gewarnt und erleuchtet, vielleicht den Qualen des Versinkens entgehen.“ Die beiden Unsterblichen lachten und sprachen: „Dies ist ein tiefes Geheimnis, das nicht vorzeitig enthüllt werden darf. Vergiss uns beide nicht, wenn die Zeit kommt, dann kannst du der Feuergrube entkommen.“ Als Shiyin dies hörte, wagte er nicht weiter zu fragen. Darauf lächelte er und sagte: „Das tiefe Geheimnis darf nicht vorzeitig enthüllt werden, aber das eben erwähnte ‚törichte Ding‘ – ich weiß nicht, was es ist – könnte man es vielleicht einmal sehen?“ Der Mönch sprach: „Wenn du nach diesem Ding fragst, so gibt es eine einmalige Gelegenheit zur Begegnung.“ Mit diesen Worten holte er es hervor und reichte es Shiyin. Shiyin nahm es entgegen und sah, dass es ein hell glänzender, schöner Jadehügel war, auf dem deutlich Schriftzeichen eingraviert waren: die vier Zeichen „Tongling Baoyu“ (Durchdringender Geist, kostbarer Jadehügel), und auf der Rückseite befanden sich noch einige Zeilen kleiner Schrift. Als er es genau betrachten wollte, sagte der Mönch, dass sie bereits in der Traumlandschaft angelangt seien, entriss es ihm gewaltsam aus der Hand und ging mit dem Daoisten zusammen an einem großen steinernen Ehrentor vorbei, auf dem vier große Zeichen standen: „Tai Xu Huan Jing“ (Grenzenlose Traumlandschaft). Auf beiden Seiten befand sich ein Spruchpaar, das lautete:

„Wird das Falsche als wahr genommen, so ist auch das Wahre falsch; wo das Nichts als Sein erscheint, ist auch das Sein nichts.“

Zhen Shiyin wollte ihnen ebenfalls folgen, doch als er gerade den Fuß hob, hörte er plötzlich einen Donnerschlag, als ob Berge einstürzten und die Erde versänke. Shiyin stieß einen lauten Schrei aus, blickte scharf hin und sah nur die gleißende Sonne und die sanft wehenden Bananenblätter; das meiste des Traumes war vergessen. Da sah er auch, wie die Amme gerade Yinglian herbeitrug. Shiyin sah, dass seine Tochter noch blühender und wie aus Jade und Schnee gemeißelt aussah, lieblich und niedlich, und so streckte er die Hand aus, nahm sie, hielt sie im Arm, spielte eine Weile mit ihr, trug sie dann zur Straße hin, um sich das festliche Treiben anzusehen. Als er gerade zurückkehren wollte, sah er von dort einen Mönch und einen Daoisten kommen: Der Mönch hatte einen aussätzigen Kopf und nackte Füße, der Daoist hinkte und hatte zerzaustes Haar; sie kamen torkelnd und lachend daher. Als sie an seine Tür kamen und Shiyin mit Yinglian im Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und sagte zu Shiyin: „Spender, warum hältst du dieses Ding, das ein Schicksal hat, aber kein Glück und das seine Eltern ins Unglück stürzt, in deinen Armen?“ Shiyin hörte es, wusste, dass es wirres Gerede war, und kümmerte sich nicht darum. Der Mönch fuhr fort: „Gib es mir, gib es mir!“ Shiyin wurde ungeduldig, drehte sich mit seiner Tochter um und wollte hineingehen, da zeigte der Mönch auf ihn, lachte laut und sprach vier Verse:

„Gewöhnt an Verzärtelung, lacht man dich Toren an; die Eibischblüte trifft vergebens auf den Schnee, der rauschend fällt. Hüte dich wohl nach dem Laternenfest, dann kommt die Zeit, wenn Rauch vergeht und Feuer erlischt!“

Shiyin verstand es klar, war unschlüssig und wollte nach ihrer Herkunft fragen. Da hörte er den Daoisten sagen: „Du und ich, wir müssen nicht gemeinsam gehen; trennen wir uns hier und jeder gehe seinem Gewerbe nach. Nach drei Kalpas erwarte ich dich am Beimang-Berg; wenn wir uns versammelt haben, gehen wir gemeinsam zum Tai Xu Huan Jing, um unsere Namen auszulöschen.“ Der Mönch sagte: „Vortrefflich, vortrefflich!“ Nach diesen Worten gingen sie davon und waren nie wieder zu sehen. Shiyin dachte bei sich: Diese beiden müssen eine Herkunft haben; ich hätte versuchen sollen, sie zu fragen, jetzt ist die Reue zu spät.

Während Shiyin so in Gedanken versunken war, sah er plötzlich einen armen Gelehrten, der im benachbarten Hulü-Tempel wohnte, hervorkommen – mit Familiennamen Jia, Vorname Hua, Höflichkeitsname Shifei, mit dem Beinamen Yucun. Dieser Jia Yucun stammte ursprünglich aus der Gegend von Huzhou, war auch aus einer Familie von Gelehrten und Beamten; da er jedoch in einer Zeit des Niedergangs geboren war, waren die Grundlagen seiner Eltern und Vorfahren erschöpft, die Familie war verfallen, und nur er allein war übrig geblieben. Da es in seiner Heimat nichts Nützliches für ihn gab, reiste er in die Hauptstadt, um nach Ruhm und Amt zu streben und die Grundlagen wiederherzustellen. Seit vorletztem Jahr war er hierher gekommen, in Not geraten und geblieben, hatte sich vorläufig im Tempel eingerichtet und lebte vom Verkauf von Kalligraphien und dem Verfassen von Texten, weshalb Shiyin oft mit ihm verkehrte. Als Yucun nun Shiyin sah, verbeugte er sich eilig, entschuldigte sich und fragte lächelnd: „Der alte Herr steht sinnend an der Tür; gibt es etwa Neuigkeiten auf der Straße?“ Shiyin lächelte: „Nein. Eben weil mein Töchterchen weinte, führte ich sie zum Spielen heraus; es war gerade sehr langweilig, und Bruder, du kommst mir recht, bitte tritt in meine kleine Studierstube, um ein Gespräch zu führen; so können wir beide diesen langen Tag vertreiben.“ Damit ließ er die Tochter hineinbringen, nahm Yucun bei der Hand und ging mit ihm in die Studierstube. Ein Dienerjunge reichte Tee. Kaum hatten sie drei bis fünf Sätze gewechselt, da kam plötzlich ein Diener hereingestürzt und meldete: „Herr Yan ist zu Besuch gekommen.“ Shiyin erhob sich hastig und entschuldigte sich: „Verzeiht mir meine Unhöflichkeit, wenn ich mich kurz entferne; bitte setzt euch einen Moment, ich komme gleich wieder, um euch zu begleiten.“ Yucun erhob sich ebenfalls und sagte bescheiden: „Der alte Herr möge tun, was ihm beliebt. Ich bin ein häufiger Gast; ein wenig zu warten, ist kein Problem.“ Während er sprach, war Shiyin bereits in die vordere Halle gegangen.

Hier blätterte Yucun eine Weile in Büchern, um sich die Zeit zu vertreiben. Da hörte er plötzlich das Husten einer jungen Frau draußen am Fenster. Yucun stand auf und blickte aus dem Fenster; es war eine Dienerin, die dort Blumen pflückte. Sie hatte ein nicht alltägliches Aussehen, klare Augenbrauen und helle Augen; wenn sie auch nicht von vollendeter Schönheit war, so hatte sie doch etwas Anziehendes. Yucun vergaß sich vor Staunen. Die Dienerin aus dem Haus Zhen pflückte gerade eine Blume und wollte gehen, als sie plötzlich den Kopf hob und jemanden im Fenster sah, mit zerrissener Kopfbedeckung und alten Kleidern, zwar ärmlich wirkend, aber mit breiter Taille und starkem Rücken, breitem Gesicht und viereckigem Mund, dazu mit schwertförmigen Augenbrauen und sternartigen Augen, gerader Nase und kräftigen Wangen. Die Dienerin wandte sich hastig um und wich zurück, dachte aber bei sich: „Dieser Mann sieht so kräftig aus und ist dennoch so zerlumpt; er muss sicher derjenige sein, den mein Herr oft als Jia Yucun erwähnt hat; er hat immer die Absicht, ihm zu helfen und ihn zu unterstützen, aber es hat sich keine Gelegenheit ergeben. In unserem Haus gibt es keine so armen Verwandten oder Freunde; also muss er es sein. Kein Wunder, dass es heißt, er sei sicher nicht für immer in Not gefangen.“ Bei diesem Gedanken drehte sie sich unwillkürlich noch zweimal um. Als Yucun sah, dass sie sich umdrehte, bildete er sich ein, dass das Mädchen ihm gewogen sei, und freute sich maßlos; er hielt sie für eine Heldin mit scharfem Blick, eine Seelenverwandte aus dem Staub der Welt. Bald darauf kam der Dienerjunge herein; Yucun erfuhr, dass man im vorderen Teil des Hauses zum Essen geblieben war, und da er nicht lange warten konnte, ging er durch einen Seitengang allein hinaus. Als Shiyin die Gäste verabschiedet hatte und erfuhr, dass Yucun selbst gegangen war, lud er ihn nicht mehr ein.

Eines Tages, bald war wieder das Mittherbstfest. Nachdem Shiyin das Familienbankett beendet hatte, bereitete er in der Studierstube ein weiteres Mahl zu und ging selbst im Mondlicht zum Tempel, um Yucun einzuladen. Yucun hatte seit jenem Tag, als er gesehen hatte, dass sich die Dienerin aus dem Haus Zhen zweimal nach ihm umgedreht hatte, sie für eine Seelenverwandte gehalten und sie stets im Herzen getragen. Heute war nun wieder Mittherbst, und er konnte nicht umhin, angesichts des Mondes bewegt zu sein; daher improvisierte er ein Gedicht in fünf Wörtern pro Zeile:

„Ungewiss, ob der Wunsch der drei Leben sich erfüllt, häufiger noch kommt ein Kummer hinzu. In der Langeweile runzle ich die Stirn, im Gehen drehst du dich mehrmals um. Ich betrachte meinen Schatten im Wind, wer ist die Gefährtin unter dem Mond? Wenn das Mondlicht wohlgesinnt ist, steige es zuerst zum Turm der Schönen empor.“

Nachdem Yucun das Gedicht vorgetragen hatte, dachte er an seine Lebensziele und daran, dass er noch keine günstige Zeit gefunden hatte; da seufzte er, kratzte sich am Kopf, blickte zum Himmel und sprach laut ein weiteres Verspaar:

„Der Jadehügel in der Kiste sucht einen guten Preis; die Haarnadel in der Schatulle wartet auf die Zeit, um zu fliegen.“

Gerade als Shiyin herbeikam, hörte er dies und lächelte: „Bruder Yucun, du hast wahrlich nicht geringe Ambitionen!“ Yucun lächelte eilig: „Ich habe nur zufällig Verse von Früheren rezitiert; wie könnte ich es wagen, so anmaßend zu sein.“ Darauf fragte er: „Was verschafft dem alten Herrn die Freude, hierher zu kommen?“ Shiyin lächelte: „Heute Nacht ist Mittherbst, im Volksmund das ‚Fest der Wiedervereinigung‘ genannt. Ich dachte, geehrter Bruder, der du in der Mönchsherberge weilst, wirst nicht ohne Gefühl der Einsamkeit sein; daher habe ich ein kleines Mahl vorbereitet und lade dich ein, in meiner bescheidenen Studierstube zu trinken. Ich weiß nicht, ob du diese bescheidene Gabe annehmen magst?“ Yucun hörte es, lehnte nicht ab, sondern lächelte und sagte: „Da ich so große Gunst empfange, wie könnte ich es wagen, diese großzügige Einladung auszuschlagen.“ Mit diesen Worten ging er mit Shiyin hinüber zum Studierhof. Bald nach dem Tee waren bereits die Becher und Schalen aufgestellt; der gute Wein und die köstlichen Speisen brauchen nicht näher beschrieben zu werden. Die beiden setzten sich, nippten erst langsam, kamen allmählich in lebhaftes Gespräch und begannen unversehens, eifrig die Becher zu leeren und die Trinkschalen zu kreisen. Zu dieser Zeit erklangen in den Nachbarhäusern Flöten und Gesang, über ihnen leuchtete der volle Mond in hellem Glanz, und die Stimmung der beiden wurde immer ausgelassener, sie tranken Becher um Becher leer. Yucun war bereits zu sieben oder acht Teilen betrunken, seine Ausgelassenheit ließ sich nicht mehr zügeln, und so dichtete er, den Mond betrachtend, aus dem Stegreif ein Gedicht:

„Zur Zeit des Fünfzehnten wird er rund, mit hellem Licht schützt er die Jadehügel-Brüstung. Am Himmel steigt eine runde Scheibe empor, und auf Erden heben die Menschen aller Namen den Blick zu ihr.“

Als Zhen Shiyin dies hörte, rief er laut aus: „Vortrefflich! Ich habe schon lange gesagt, dass Sie, mein älterer Bruder, keineswegs ein Mann sind, der lange unter anderen stehen wird. Die Verse, die Sie jetzt rezitiert haben, zeigen bereits die Vorboten eines raschen Aufstiegs; bald werden Sie die höchsten Stufen des Erfolgs erklimmen. Das ist zu beglückwünschen, zu beglückwünschen!“ Daraufhin schenkte er eigenhändig einen ganzen Krug Wein ein, um ihm zu gratulieren. Jia Yucun leerte ein Glas und seufzte: „Es ist nicht etwa die Prahlerei eines Betrunkenen, aber wenn es um die heutige Prüfungsgelehrsamkeit geht, könnte ich vielleicht noch mitmachen und mir einen Namen machen. Allerdings fehlt es mir derzeit völlig an den nötigen Reisekosten und der Ausrüstung; der Weg in die Hauptstadt ist weit, und man kann ihn nicht allein durch den Verkauf von Kalligraphien und Aufsätzen bewältigen.“ Zhen Shiyin ließ ihn nicht ausreden und sagte: „Warum haben Sie, mein älterer Bruder, das nicht früher erwähnt? Ich hatte schon oft diesen Gedanken, aber jedes Mal, wenn ich Ihnen begegnete, haben Sie nie davon gesprochen, daher wagte ich nicht, ungefragt davon anzufangen. Nun, da die Rede darauf gekommen ist, verstehe ich, obwohl ich nicht besonders begabt bin, sehr wohl die beiden Begriffe ‚Pflicht‘ und ‚Vorteil‘. Überdies ist es erfreulich, dass das nächste Jahr ein großes Prüfungsjahr ist; Sie sollten so schnell wie möglich in die Hauptstadt reisen, um bei der Frühjahrsprüfung Ihr ganzes Leben lang erworbenes Wissen unter Beweis zu stellen, damit es nicht umsonst gewesen ist. Was die Reisekosten und dergleichen betrifft, so werde ich, Ihr jüngerer Bruder, diese selbstverständlich für Sie bereitstellen, damit Sie nicht umsonst so gute Stücke auf mich gehalten haben!“ Daraufhin befahl er sofort einem Dienerjungen, hineinzugehen und schnell fünfzig Unzen Silber sowie zwei Winterkleider zu versiegeln. Er fuhr fort: „Der neunzehnte Tag ist ein glückverheißender Tag. Sie können sofort ein Schiff kaufen und den Fluss hinauf nach Westen fahren. Wenn Sie dann, nachdem Sie sich hoch aufgeschwungen haben, im nächsten Winter wieder hier sind, um sich zu treffen, wäre das nicht eine höchst erfreuliche Sache!“ Jia Yucun nahm das Silber und die Kleider entgegen, bedankte sich nur kurz und ohne besondere Betonung, trank und lachte weiter wie zuvor. An jenem Tag war es bereits die dritte Nachtwache, als die beiden sich trennten. Nachdem Zhen Shiyin Jia Yucun verabschiedet hatte, kehrte er in sein Zimmer zurück und schlief, bis die rote Sonne hoch am Himmel stand, bevor er erwachte. Da er an die Ereignisse der vergangenen Nacht dachte, wollte er noch zwei Empfehlungsschreiben schreiben, die Jia Yucun in die Hauptstadt mitnehmen sollte, damit Yucun sich dort bei einer Beamtenfamilie als Anlaufstelle niederlassen konnte. Also schickte er jemanden, um Jia Yucun einzuladen. Der Diener kam zurück und sagte: „Der Mönch sagte, Herr Jia sei heute in der fünften Nachtwache bereits in die Hauptstadt aufgebrochen. Er habe auch eine Nachricht hinterlassen, die der Mönch dem Herrn übermitteln solle: ‚Ein Gelehrter kümmert sich nicht um Glück oder Unglück nach dem Kalender, sondern stellt stets die Vernunft der Dinge an erste Stelle. Es blieb keine Zeit, sich persönlich zu verabschieden.‘“ Zhen Shiyin hörte dies und musste sich damit abfinden.

Wahrlich, die Mußestunden vergehen schnell, und schon war wieder das Laternenfest gekommen. Zhen Shiyin befahl seinem Diener Huo Qi, Yinglian auf den Armen zu nehmen und sich das Treiben der Gesellschaftsfeuer und die Blumenlaternen anzusehen. In der Mitte der Nacht musste Huo Qi wegen einer Notdurftverrichtung den Ort aufsuchen und setzte Yinglian auf die Türschwelle eines Hauses. Als er nach seiner Verrichtung zurückkam, um sie wieder aufzuheben, war Yinglian nirgends mehr zu sehen! Vor Verzweiflung suchte Huo Qi die ganze Nacht hindurch, aber bis zum Morgen fand er sie nicht. Da wagte Huo Qi nicht mehr, zu seinem Herrn zurückzukehren, und floh in eine andere Gegend. Als die Eheleute Zhen sahen, dass ihre Tochter eine Nacht lang nicht zurückgekehrt war, wussten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie schickten mehrere Leute aus, um zu suchen, doch alle kehrten zurück und berichteten, es gebe keinerlei Nachricht. Das Ehepaar, das im Leben nur diese eine Tochter hatte, wie konnten sie nicht um sie trauern? Sie weinten Tag und Nacht und hatten fast keine Lust mehr zu leben. Nach etwa einem Monat erkrankte Zhen Shiyin zuerst. Auch seine Frau, die Edle Feng, war aus Kummer um die Tochter krank geworden und suchte täglich ärztliche Hilfe.

Unerwarteterweise geschah es am fünfzehnten Tag des dritten Monats jenes Jahres, dass im Tempel der Flaschenkürbis die Opfergaben gebraten wurden. Die Mönche waren unvorsichtig, sodass das Öl in der Pfanne Feuer fing und die Fensterpapiere entzündete. Die Häuser in dieser Gegend waren meist aus Bambus und Holzwänden gebaut, und wohl auch aufgrund der schicksalhaften Bestimmung griff das Feuer schnell um sich, reihte sich Haus an Haus, und die ganze Straße brannte lichterloh wie ein Flammenmeer. Obwohl Soldaten und Zivilisten zur Rettung kamen, war das Feuer bereits so mächtig, wie hätte es gelöscht werden können? Es brannte die ganze Nacht hindurch, ehe es allmählich erlosch, und niemand wusste, wie viele Häuser zerstört worden waren. Nur dass die Familie Zhen, die unmittelbar nebenan wohnte, bereits zu einem Schutthaufen niedergebrannt war. Nur das Ehepaar und einige wenige Diener waren unverletzt geblieben. Vor Verzweiflung konnte Zhen Shiyin nur mit den Füßen stampfen und seufzen. Schließlich musste er mit seiner Frau beraten, ob sie nicht vorläufig auf ihr Landgut ziehen sollten. Doch gerade in den letzten Jahren waren die Ernten durch Überschwemmungen und Dürren ausgeblieben, und Räuberbanden waren wie ein Bienenschwarm aufgetaucht. Sie raubten Felder und Land, trieben Diebstähle, und die Bevölkerung fand keine Ruhe. Daher wurden Soldaten zur Bekämpfung ausgesandt, aber es war unmöglich, dort in Frieden zu leben. Zhen Shiyin musste all seine Landgüter unter Wert verkaufen und zog mit seiner Frau und zwei Dienerinnen zum Haus seines Schwiegervaters.

Sein Schwiegervater hieß Feng Su, stammte ursprünglich aus dem Bezirk Daru und war zwar Bauer, aber sein Haushalt war noch recht wohlhabend. Als er nun seinen Schwiegersohn in so erbärmlichem Zustand kommen sah, war er im Herzen etwas ungehalten. Zum Glück hatte Zhen Shiyin noch etwas von dem Silber, das er aus dem Verkauf der Ländereien erlöst hatte, übrig. Er gab es Feng Su und bat ihn, ihm nach den Marktpreisen einige Häuser und Felder zu besorgen, um für den Lebensunterhalt in Zukunft zu sorgen. Feng Su aber betrog und täuschte ihn zur Hälfte und gab ihm nur einige magere Felder und baufällige Häuser. Zhen Shiyin war von Haus aus ein Gelehrter, der sich nicht auf die Arbeit auf dem Feld und dergleichen verstand. Nachdem er sich ein oder zwei Jahre mühsam durchgeschlagen hatte, wurde er noch ärmer. Jedes Mal, wenn Feng Su ihn sah, redete er ihm mit üblichen Sprüchen zu, und vor und hinter den Leuten beklagte er sich, dass der Schwiegersohn nicht mit dem Geld umgehen könne und nur ein Faulenzer und Schlemmer sei. Zhen Shiyin wusste, dass er sich an den Falschen gewandt hatte, und bereute es im Herzen. Hinzu kamen die Schrecken des vergangenen Jahres, die ihn verängstigt und erbittert hatten; all dies hinterließ tiefe Wunden. Als alter Mann, von Armut und Krankheit geplagt, zeigte er allmählich die Anzeichen des nahenden Todes.

Zufällig ging er eines Tages, auf seinen Stock gestützt, vor die Tür, um sich zu zerstreuen, als er plötzlich einen lahmen taoistischen Mönch daherkommen sah. Der war verrückt und verwahrlost, trug Hanfschuhe und zerrissene Kleidung und murmelte einige Worte vor sich hin, die da lauteten:

„Alle Welt weiß, dass der Geisterstand gut ist,

Doch nur Ruhm und Ehre vergisst man nicht.

Wo sind die Kanzler und Generäle von einst und jetzt?

Ein Hügel voller Gräber, von Gras überwuchert.

Alle Welt weiß, dass der Geisterstand gut ist,

Doch nur Gold und Silber vergisst man nicht.

Den ganzen Tag klagt man, dass man nicht genug anhäuft,

Und wenn man genug hat, schließt man die Augen.

Alle Welt weiß, dass der Geisterstand gut ist,

Doch nur die schöne Gattin vergisst man nicht.

Solange du lebst, spricht sie täglich von Liebe und Gunst,

Wenn du stirbst, folgt sie einem anderen.

Alle Welt weiß, dass der Geisterstand gut ist,

Doch nur die Kinder und Enkel vergisst man nicht.

Törichte Eltern gab es seit jeher viele,

Aber wer hat schon einen frommen Sohn oder eine gehorsame Enkelin gesehen?“

Als Zhen Shiyin dies hörte, trat er auf ihn zu und sagte: „Was redest du da ununterbrochen? Ich höre nur immer ‚Gut‘ und ‚Aus‘, ‚Gut‘ und ‚Aus‘.“ Der taoistische Mönch lachte und sagte: „Wenn du wirklich die beiden Worte ‚Gut‘ und ‚Aus‘ gehört hast, dann hast du etwas verstanden. Wisse, dass unter den zehntausend Dingen der Welt Gut-Sein Aus-Sein bedeutet und Aus-Sein Gut-Sein. Wenn es nicht Aus ist, ist es nicht Gut; wenn es Gut sein soll, muss es Aus sein. Dieses Lied von mir heißt das ‚Lied vom Guten und vom Aus‘.“ Zhen Shiyin, der von Natur aus eine tiefe Weisheit besaß, hatte bei diesen Worten im Herzen bereits vollkommenes Verständnis erlangt. Daraufhin lachte er und sagte: „Halt! Wie wäre es, wenn ich dir eine Erklärung zu deinem ‚Lied vom Guten und vom Aus‘ gebe?“ Der taoistische Mönch lachte: „Erkläre es, erkläre es!“ Da sprach Zhen Shiyin:

„Ein dürftiges Gemach und leere Hallen,

Einst lagen dort die Amtstafeln zuhauf.

Verwelktes Gras und welke Weiden,

Einst waren es Stätten des Gesangs und Tanzes.

Spinnweben überziehen die geschnitzten Balken,

Grüner Flor klebt jetzt an den strohgedeckten Fenstern.

Was sprichst du von Schminke, dick und duftend,

Wie kommt es, dass die Schläfen schon wie Schnee ergrauen?

Gestern noch brachte man weiße Gebeine zum gelben Erdhügel,

Heute Nacht ruhen unter roten Vorhängen die Mandarinenenten.

Kisten voll Gold, Kisten voll Silber,

Im Nu bettelt man, und alle schmähen dich.

Eben noch beklagtest du, dass anderer Leben kurz sei,

Wer weiß, ob du nicht selbst nach Hause kehrst, um zu sterben.

Erziehung nach Plan, doch wer bürgt dafür,

Dass daraus nicht später ein Räuber wird?

Wählst du einen vornehmen Gatten, wer hätte gedacht,

Dass du im Freudenhaus landest?

Weil dir die Amtsmütze zu klein schien,

Schleppst du nun Hals- und Fußfesseln.

Gestern noch littest du unter der Kälte des zerrissenen Rocks,

Heute beschwerst du dich über die Länge des purpurnen Gewands.

Wirr und durcheinander: kaum hast du zu Ende gesungen, tritt ein anderer auf die Bühne,

Und hältst die Fremde für die Heimat.

Wie absurd! Am Ende schneidert man doch nur anderen die Hochzeitskleider.“

Als der verrückte lahme taoistische Mönch dies hörte, klatschte er in die Hände und lachte: „Treffend erklärt, treffend erklärt!“ Da sagte Zhen Shiyin: „Gehen wir!“ Er nahm dem taoistischen Mönch die Stofftasche von der Schulter, hängte sie sich selbst um, kehrte nicht nach Hause zurück und ging mit dem verrückten Mönch davon, leicht und unbeschwert dahinschwebend.

Das erregte großes Aufsehen in der Nachbarschaft, und die Leute sprachen davon als von einer seltsamen Neuigkeit. Als die Edle Feng diese Nachricht hörte, weinte sie sich fast zu Tode. Sie musste mit ihrem Vater beraten und Leute ausschicken, um überall zu suchen, aber wo hätten sie eine Spur finden können? Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf ihre Eltern zu stützen, um zu leben. Zum Glück hatte sie noch zwei alte Dienerinnen, die ihr dienten. Die drei, Herrin und Mägde, nähten und stickten Tag und Nacht, verkauften ihre Arbeiten und halfen dem Vater, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Feng Su, obwohl er täglich schimpfte, konnte auch nichts daran ändern.

Eines Tages kaufte die ältere Dienerin der Familie Zhen vor der Tür Garn, als sie plötzlich das Rufen der Gendarmen hörte. Alle Leute sagten, der neue Bezirksvorsteher sei im Amt angekommen. Die Dienerin versteckte sich hinter der Tür und sah zu. Da kamen die Soldaten und Häscher paarweise vorbei, und bald darauf trug eine große Sänfte einen Beamten mit schwarzer Mütze und rotem Gewand vorüber. Die Dienerin war ganz verwirrt und dachte bei sich: „Dieser Beamte kommt mir so bekannt vor, als hätte ich ihn schon einmal gesehen.“ Sie ging ins Haus und ließ die Sache zunächst auf sich beruhen. Als es Abend wurde und sie sich gerade zur Ruhe legen wollte, hörte sie plötzlich heftiges Klopfen an der Tür und viele Leute, die durcheinander riefen: „Der Herr Bezirksvorsteher hat jemanden geschickt, um Vorladungen zu überbringen!“ Feng Su, der dies hörte, war vor Schreck wie gelähmt und wusste nicht, was für ein Unglück ihn treffen sollte. Hört, wie es im nächsten Kapitel weitergeht.