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Der Traum der Roten Kammer

110. Kapitel: Die Matriarchin Shi stirbt und geht ins Totenreich ein; Wang Xifeng erschöpft ihre Kräfte und verliert die Herzen der Menschen

Kapitel 110

110. Kapitel: Die Obermatriarchin Shi geht heim in die Unterwelt; Wang Fengjie verliert durch Erschöpfung die Herzen der Leute

Nun heißt es: Die Obermatriarchin Jia setzte sich auf und sprach: „Ich bin nun seit über sechzig Jahren in eurem Hause. Von meiner Jugend bis ins hohe Alter habe ich das Glück in vollen Zügen genossen. Von eurem Herrn Vater an sind auch die Söhne und Enkel recht gut geraten. Nur Baoyu, den habe ich mein Lebtag geliebt.“ Als sie dies sagte, blickte sie mit den Augen suchend umher. Wang Furen schob Baoyu an, sodass er ans Bett trat. Die Obermatriarchin Jia streckte ihre Hand unter der Bettdecke hervor, ergriff Baoyu und sprach: „Mein Kind, du musst dich anstrengen, damit du etwas aus dir machst!“ Baoyu antwortete mit dem Mund, aber im Herzen ward ihm weh, und die Tränen wollten ihm kommen. Doch wagte er nicht zu weinen, und so stand er nur da und hörte, wie die Obermatriarchin Jia fortfuhr: „Ich möchte noch einen Urenkel sehen, dann wäre ich beruhigt. Wo ist mein Lan’er?“ Da schob Li Wan den Jia Lan ebenfalls vor. Die Obermatriarchin Jia ließ Baoyu los, ergriff Jia Lan und sprach: „Deine Mutter musst du ehren und ihr dienen. Wenn du dereinst ein gemachter Mann bist, sollst du auch deiner Mutter Ehre und Ansehen bringen. Wo ist Fengyazi?“ Fengjie hatte ursprünglich neben der Obermatriarchin Jia gestanden; sie eilte sogleich heran und sprach: „Hier bin ich.“ Die Obermatriarchin Jia sprach: „Mein Kind, du bist zu klug. In Zukunft solltest du dir etwas Verdienst ums Glück erwerben. Auch ich habe nicht viel an guten Werken getan, nur dass ich ein rechtschaffenes Herz hatte und Nachteile in Kauf nahm. Das Fasten und Buddhanamen-Rezitieren habe ich auch nicht sonderlich betrieben. Nur im letzten Jahr ließ ich einige Abschriften des Diamant-Sutra anfertigen und verschenken. Ich weiß nicht, ob sie alle verteilt sind?“ Fengjie sprach: „Nein, noch nicht.“ Die Obermatriarchin Jia sprach: „Es wäre längst an der Zeit gewesen, sie alle zu verschenken. Unser großer Herr und Zhen’er amüsieren sich draußen. Am allerärgsten ist, dass das Mädel Shi kein Gewissen hat. Warum kommt sie mich nie besuchen?“ Yuanyang und die anderen wussten wohl, warum, aber sie schwiegen. Die Obermatriarchin Jia blickte noch einmal auf Baochai, seufzte tief, und man sah, wie ihr Gesicht sich rötete. Jia Zheng erkannte, dass dies das letzte Aufflackern des Lebenslichts war, und reichte eilends die Ginsengbrühe. Aber der Kiefer der Obermatriarchin Jia war schon starr. Sie schloss eine Weile die Augen, dann öffnete sie sie wieder und blickte noch einmal durch das ganze Zimmer. Wang Furen und Baochai traten hinzu und stützten sie sanft. Xing Furen und Fengjie beeilten sich, ihr die Totenkleider anzulegen. Die alten Frauen unten hatten das Bett bereits hergerichtet und die Decken und Kissen ausgebreitet. Da hörte man in der Kehle der Obermatriarchin Jia ein leises Geräusch, ihr Gesicht verwandelte sich in ein Lächeln, und sie war dahingegangen. Sie war dreiundachtzig Jahre alt geworden. Die alten Frauen beeilten sich, das Totenbrett aufzustellen. Daraufhin knieten Jia Zheng und die anderen Männer draußen auf einer Seite nieder, und Xing Furen und die Frauen drinnen auf der anderen Seite, und gemeinsam erhoben sie die Totenklage. Draußen hatten die Diener alles Nötige vorbereitet. Sobald die Nachricht von drinnen kam, wurden vom Haupttor des Rong-Guo-Palastes bis zu den inneren Türen alle Flügel weit geöffnet, alles wurde mit reinweißem Papier beklebt, das Trauerzelt hoch aufgeschlagen, und vor dem Haupttor wurde sofort der Torbogen errichtet. Vom obersten bis zum untersten Diener legte man sogleich die Trauerkleidung an. Jia Zheng meldete die Trauerzeit an. Das Ritenministerium trug es dem Kaiser vor. Der Herrscher, von tiefer Milde und Gnade erfüllt, gedachte der Verdienste der Familie über Generationen hinweg und auch der Tatsache, dass sie die Großmutter der kaiserlichen Gemahlin Yuan war. Er bewilligte tausend Silbertael und befahl dem Ritenministerium, die Hauptopfer darzubringen. Die Dienerschaft wurde überallhin ausgesandt, die Todesnachricht zu überbringen. Obwohl alle Verwandten und Freunde wussten, dass das Haus Jia in Ungnade gefallen war, kamen sie doch, da sie nun die hohe kaiserliche Gunst sahen, zur Trauerfeier. Man wählte eine glückliche Stunde zum Einsargen und stellte den Sarg in der Haupthalle auf. Jia She war nicht zu Hause, also war Jia Zheng der Älteste. Baoyu, Jia Huan und Jia Lan waren die leiblichen Enkel und noch jung; alle sollten die Totenwache halten. Jia Lian war zwar auch ein leiblicher Enkel, aber er konnte zusammen mit Jia Rong die Dienerschaft zur Arbeit einteilen. Obwohl man einige männliche und weibliche Verwandte von außerhalb zur Hilfe gebeten hatte, waren drinnen die beiden Hauptgemahlinnen Xing und Wang, Li Wan, Fengjie und Baochai dazu bestimmt, neben dem Sarg zu weinen. You Shi hätte zwar helfen können, aber da Jia Zhen sich im Ausland aufhielt und sie im Rong-Guo-Palast wohnte, hatte sie sich nie hervorgetan und war zudem mit den Angelegenheiten des Rong-Guo-Palastes nicht sehr vertraut. Von Jia Rongs Frau ganz zu schweigen. Xichun war zwar hier aufgewachsen, aber von den Hausgeschäften verstand sie gar nichts. So gab es drinnen niemanden, der die Dinge in die Hand nehmen konnte, außer Fengjie, die sich um die inneren Angelegenheiten kümmern konnte. Da zudem Jia Lian draußen die Leitung hatte, waren die beiden für den inneren und äußeren Bereich recht geeignet.

Fengjie hatte sich zuvor auf ihre Fähigkeiten verlassen und sich vorgestellt, dass sie nach dem Tod der alten Dame eine große Rolle spielen würde. Die beiden Gemahlinnen Xing und Wang wussten, dass sie schon einmal die Angelegenheiten der Qin-Shi besorgt hatte, und dass dies sicher gut gegangen war. Deshalb übertrugen sie Fengjie wieder die Oberleitung über die inneren Angelegenheiten. Fengjie hätte eigentlich nicht ablehnen dürfen, und so willigte sie natürlich ein. Sie dachte bei sich: „Die Angelegenheiten hier habe ich ohnehin schon geführt, und die Dienerschaft sind meine Leute. Die Leute der Ersten Gemahlin und der älteren Schwägerin Zhen waren ohnehin schwer zu gebrauchen, und jetzt sind sie alle fort. Obwohl es keine Silbermarken mehr gibt, ist dieses Siler hier bar vorhanden. Die äußeren Angelegenheiten besorgt er ja. Auch wenn es mir im Moment nicht gut geht, denke ich doch nicht, dass ich Tadel ernten werde; es wird bestimmt noch besser gehen als damals im Ning-Guo-Palast.“ Sie war entschlossen und wartete nur den nächsten Tag ab, um die dritte Totenfeier zu empfangen. Am übernächsten Morgen ließ sie durch Zhou Rui’s Frau die Botschaft ausrichten und die Namenslisten holen. Fengjie musterte sie eine nach der anderen. Insgesamt gab es nur einundzwanzig männliche Diener und neunzehn weibliche. Der Rest waren Mädchen. Selbst wenn man die der einzelnen Gemächer hinzuzählte, waren es nicht mehr als dreißig; es war schwer, ihnen Aufgaben zuzuteilen. Sie dachte bei sich: „Diesmal sind bei den Angelegenheiten der alten Dame nicht einmal so viele Leute wie damals im Ost-Palast.“ Sie holte auch noch einige von den Gutshöfen herbei, aber auch das reichte nicht für die anfallenden Dienste. Als sie noch darüber nachdachte, kam ein junges Mädchen herein und sprach: „Schwester Yuanyang bittet die Zweitegnädige zu sich.“ Fengjie musste ihr folgen. Sie sah, wie Yuanyang wie ein Häufchen Elend weinte. Sie packte Fengjie am Arm und sprach: „Zweitegnädige, setzen Sie sich bitte. Ich will der Zweitegnädigen einen Kotau machen. Auch wenn man in Trauerzeit keine Verbeugungen macht, diesen Kotau muss ich machen.“ Während sie dies sprach, kniete Yuanyang nieder. Erschrocken zog Fengjie sie schnell hoch und sprach: „Was ist das für eine Sitte? Sag’s mir in Ruhe.“ Yuanyang blieb auf den Knien, und Fengjie zog sie hoch. Yuanyang sprach: „Die Angelegenheiten der alten Dame, drinnen wie draußen, werden alle von Ihnen, Zweiter Herr und Zweitegnädige, besorgt. Dieses Silber hier hat die alte Dame hinterlassen. Die alte Dame hat ihr Lebtag nie Geld verschwendet. Nun, da dieses große Ereignis bevorsteht, muss ich Sie, Zweitegnädige, unbedingt bitten, es recht stattlich und würdig auszurichten. Ich habe eben gehört, wie der Herr von ‘Oden’ und ‘Sprüchen’ redete, ich verstehe das nicht. Er sprach auch: ‚Bei der Trauer ist es besser, Trauer zu haben als Pracht‘, das habe ich auch nicht verstanden. Ich habe die Zweitegnädige Bao gefragt, die sagte, die Meinung des Herrn sei, dass bei der Trauerfeier für die alte Dame nur die Trauer der wahre Kindespiepietät sei, und man nicht an Verschwendung und äußeren Glanz denken solle. Ich denke mir, eine Person wie die alte Dame, wie sollte die nicht ein wenig Glanz verdienen! Ich bin nur eine Sklavin und Dienerin, was wage ich schon zu sagen? Aber die alte Dame hat doch die Zweitegnädige und mich ihr Lebtag lang so lieb gehabt, und nun im Tod sollte man ihr nicht wenigstens ein bisschen Ehre erweisen! Ich denke, die Zweitegnädige ist imstande, große Dinge zu tun, darum bitte ich die Zweitegnädige herzukommen und eine Entscheidung zu treffen. Ich bin zeitlebens eine Begleiterin der alten Dame gewesen; wenn die alte Dame stirbt, werde ich ihr folgen. Wenn ich nicht sähe, wie die Angelegenheiten der alten Dame ausgerichtet werden, wie könnte ich ihr dann später unter die Augen treten!“ Fengjie fand diese Rede seltsam und sprach: „Sei unbesorgt. Es ist nicht schwer, für Glanz zu sorgen. Und obwohl der Herr spart, darf doch der Rahmen nicht verfehlt werden. Selbst wenn man dieses ganze Silber für die alte Dame ausgäbe, wäre es recht und billig.“ Yuanyang sprach: „Die alte Dame hat als letzten Wunsch hinterlassen, dass alles, was sie hinterlässt, uns zufallen soll. Wenn die Zweitegnädige nicht genug hat, kann sie es ruhig versilbern und hinzutun. Was auch immer der Herr sagen mag, ich kann mich nicht über den letzten Wunsch der alten Dame hinwegsetzen. Hat der Herr nicht an jenem Tag, als die alte Dame die Verteilung vornahm, selbst zugehört?“ Fengjie sprach: „Du bist doch sonst die Verständigste. Wie kannst du dich jetzt so aufregen?“ Yuanyang sprach: „Ich rege mich nicht auf. Es ist nur, weil die Erste Gemahlin sich um nichts kümmert, und der Herr fürchtet Aufsehen. Wenn die Zweitegnädige auch so dächte wie der Herr und sagte, dass eine Familie, die schon einmal durchsucht worden ist, bei einer Trauerfeier noch solchen Aufwand treibt, dass das wieder eine Haussuchung nach sich zieht, und dann die alte Dame nicht mehr bedenkt – was dann? Was mich betrifft, ich bin nur eine Dienerin, gut oder schlecht, das tut nichts zur Sache, aber es geht doch um den Ruf des Hauses hier.“ Fengjie sprach: „Ich weiß schon. Sei nur unbesorgt. Ich bin ja da!“ Yuanyang bedankte sich tausendmal und vertraute Fengjie die Sache an.

Die Phönixschwester kam heraus und dachte bei sich: „Dieses Yüanyang-Ding ist wirklich seltsam. Ich weiß nicht, was sie im Schilde führt. Eigentlich sollte man der alten Dame doch mehr Ehre erweisen. Ach, kümmere dich nicht darum! Machen wir es vorerst so, wie es in unserer Familie früher üblich war.“ Sie rief also die Frau des Wang'er herbei und ließ ausrichten, man möge den zweiten Herrn hereinbitten. Kurz darauf trat Jia Lian ein und sagte: „Was suchst du mich? Du solltest dich drinnen um alles kümmern. Schließlich ist unser zweiter Herr derjenige, der die Entscheidungen trifft; was er sagt, danach richten wir uns.“ Die Phönixschwester erwiderte: „Jetzt redest du auch schon so! Das ist doch genau das, was Yüanyang gesagt hat, und es trifft ein!“ Jia Lian fragte: „Was hat Yüanyang denn gesagt?“ Die Phönixschwester erzählte ihm, was Yüanyang zu ihr gesagt hatte. Jia Lian meinte: „Was bedeuten schon ihre Worte! Eben hat mich der zweite Herr rufen lassen und gesagt: Die Angelegenheiten der alten Dame müssen zwar ernsthaft erledigt werden, aber diejenigen, die Bescheid wissen, sagen, die alte Dame habe selbst Hand an sich gelegt; die Unwissenden dagegen meinen nur, wir hätten alles vertuscht und seien jetzt sehr wohlhabend. Das Geld der alten Dame – wem soll es gehören, wenn es nicht ausgegeben wird? Es sollte immer noch für die alte Dame selbst verwendet werden. Die alte Dame hat zwar im Süden Grabstätten, aber keine Grabhäuser. Ihr Sarg soll in den Süden überführt werden. Mit dem übrigen Geld sollte man auf dem Ahnenfriedhof einige Gebäude errichten, und was dann noch übrig ist, zum Kauf von einigen Morgen Opferland verwenden. Wenn wir selbst zurückkehren, ist das gut; wenn nicht, können die armen Verwandten dort wohnen, zu den festgelegten Zeiten morgens und abends Weihrauch anzünden und regelmäßig die Gräber pflegen. Findest du nicht, dass das ein vernünftiger Plan ist? Nach deiner Rede willst du es wohl ganz ausgeben?“ Die Phönixschwester fragte: „Ist das Geld schon ausgezahlt worden?“ Jia Lian antwortete: „Wer hat das Geld gesehen! Ich habe gehört, dass unsere Herrin, als sie die Worte des zweiten Herrn vernahm, die zweite Herrin und den zweiten Herrn eifrig bestärkt und gesagt hat, das sei ein guter Vorschlag. Was soll ich da machen? Jetzt müssen draußen für die Zelte und das Traggerüst mehrere hundert Silberstücke ausgegeben werden, aber im Moment ist noch nichts freigegeben worden. Wenn ich hingehe, sagen sie alle, es sei vorhanden, aber ich solle erst die Arbeiten draußen erledigen lassen und dann abrechnen. Glaubst du, dass diese Diener, die Geld haben, längst weggelaufen sind? Wenn ich sie nach dem Register rufe, sagen die einen, sie seien krank, die anderen, sie seien auf die Güter gegangen. Nur wenige, die nicht fortkönnen, sind geblieben. Die können nur Geld verdienen, nicht ausgeben!“ Als die Phönixschwester das hörte, war sie eine Weile wie betäubt und sagte schließlich: „Wie soll man das dann noch bewerkstelligen!“ Während sie noch sprach, kam eine Dienerin und sagte: „Die erste Herrin lässt fragen, was die zweite Herrin denn mache? Heute ist der dritte Tag, und drinnen herrscht noch großes Durcheinander. Sollen die Verwandten etwa warten, bis das Opfermahl aufgetragen ist? Man hat sie lange rufen lassen, dann kam das Gemüse, aber es fehlte an Reis. Was ist das für eine Art, die Dinge zu erledigen!“ Die Phönixschwester eilte hinein, rief nach Leuten, die bedienen sollten, und brachte notdürftig das Frühstück unter. Ausgerechnet an diesem Tag kamen viele Menschen, aber die Leute drinnen waren alle wie erstarrt und stumpfsinnig. Die Phönixschwester musste sich eine Weile dort umsehen und kümmern, dann dachte sie daran, Leute einzuteilen, und eilte wieder hinaus, um die Frau des Wang'er zu rufen und alle Diener und Dienerinnen zusammenzurufen, um ihnen Aufgaben zuzuteilen. Alle nickten, aber keiner rührte sich. Die Phönixschwester sagte: „Wie spät ist es, und das Opfermahl ist noch nicht aufgetragen!“ Die Leute entgegneten: „Das Auftragen des Mahls ist leicht, aber zuerst müssen die Vorräte von drinnen herausgegeben werden, dann können wir uns darum kümmern.“ Die Phönixschwester sagte: „Ihr dummen Dinger! Wenn ihr eingeteilt seid, werdet ihr schon bekommen, was ihr braucht.“ Die Leute willigten nur widerstrebend ein. Die Phönixschwester ging sofort in das obere Gemach, um die benötigten Gegenstände zu holen, und wollte die Zustimmung von Xing- und Wang-Herrin einholen. Aber weil so viele Leute da waren, war es schwer, etwas zu sagen, und als sie sah, dass die Sonne schon im Westen stand, suchte sie schließlich Yüanyang auf und fragte nach dem Geschirr, das die alte Dame aufbewahrt hatte. Yüanyang sagte: „Da fragst du noch mich? In jenem Jahr hat der zweite Herr es doch ausgelöst, oder etwa nicht!“ Die Phönixschwester erwiderte: „Ich brauche kein silbernes oder goldenes, nur das gewöhnliche, das wir täglich benutzen.“ Yüanyang sagte: „Woher haben dann die erste Herrin und die erste Gemahlin ihres Gemahls das Ihre?“ Die Phönixschwester überlegte, dass das stimmte, drehte sich um und ging. Sie suchte schließlich bei Wang-Herrin die Yuchuan und Caiyun auf und holte einen Satz hervor. Dann rief sie hastig Caiming, um es im Register zu vermerken, und übergab es den Leuten zur Verwahrung.

Yüanyang sah, wie die Phönixschwester so in Eile war, wagte aber nicht, sie zurückzurufen. Sie dachte: „Früher hat sie die Dinge so geschickt und umsichtig erledigt. Wie kommt es, dass sie jetzt so in die Enge getrieben wird? In diesen zwei, drei Tagen hat sie überhaupt keinen Überblick mehr. Hat die alte Dame sie denn umsonst so verwöhnt!“ Sie wusste nicht, dass Xing-Herrin, als sie Jia Zhengs Worte hörte, diese genau ihren Gedanken über die künftige schwierige Haushaltslage entsprachen, und sie nur zu gern ein wenig für den Notfall zurückbehalten wollte. Zudem waren die Angelegenheiten der alten Dame eigentlich Sache der älteren Linie; obwohl Jia She nicht zu Hause war, war Jia Zheng ein pedantischer Mensch, der bei jeder Gelegenheit sagte, man solle die erste Herrin um Rat fragen. Xing-Herrin wusste seit langem, dass die Phönixschwester großzügig mit Geld umging und Jia Lian seine Machenschaften hatte, deshalb hielt sie eisern fest und ließ nicht locker. Yüanyang glaubte, das Geld sei bereits ausgegeben worden, und als sie sah, dass die Phönixschwester so sehr behindert wurde, vermutete sie, dass diese nicht gewillt war, sich Mühe zu geben, und weinte ununterbrochen und klagend am Sarg der alten Dame. Xing-Herrin und die anderen hörten, dass da noch mehr hinter den Worten steckte, aber anstatt zu bedenken, dass sie selbst der Phönixschwester nicht freie Hand ließen, beschuldigten sie die Phönixschwester, sich tatsächlich nicht genug anzustrengen. Wang-Herrin rief am Abend die Phönixschwester zu sich und sagte: „Unser Haus mag nicht mehr so wohlhabend sein, aber den äußeren Anstand müssen wir wahren. In diesen zwei, drei Tagen kamen und gingen viele Leute, und ich habe gesehen, dass du dich nicht um alle kümmern konntest. Wahrscheinlich hast du keine Anweisungen gegeben. Du musst uns schon noch ein wenig zur Hand gehen.“ Die Phönixschwester hörte das, war einen Augenblick verwirrt und wollte sagen, dass das Geld nicht reiche. Aber das Geld wurde von außen verwaltet, und Wang-Herrin sprach nur davon, dass sie sich nicht genug gekümmert habe. Die Phönixschwester wagte nicht zu widersprechen und schwieg. Xing-Herrin, die danebenstand, sagte: „Eigentlich müssten wir Schwiegertöchter uns darum kümmern, das ist nicht Sache der Enkelschwiegertochter. Aber wir können uns nicht bewegen, deshalb verlassen wir uns auf dich. Du darfst nicht nachlassen.“ Die Phönixschwester wurde puterrot im Gesicht und wollte antworten, da hörte man draußen Trommeln und Musik – es war die Zeit, das Abendopfer zu verbrennen. Alle erhoben die Klage, und sie konnte nichts mehr sagen. Die Phönixschwester dachte, sie würde später noch einmal darauf zurückkommen, aber Wang-Herrin drängte sie, hinauszugehen und die Dinge zu regeln, und sagte: „Hier kümmern wir uns schon. Geh schnell und sorge für die Angelegenheiten von morgen!“

Die Phönixschwester wagte nicht, noch etwas zu sagen. Sie unterdrückte ihre Trauer und Tränen, ging hinaus, ließ erneut alle Leute zusammenrufen und gab ihnen Anweisungen: „Liebe Tanten und Schwägerinnen, habt Erbarmen mit mir! Da oben habe ich schon viele Vorwürfe einstecken müssen, nur weil ihr euch nicht zusammenreißt und man uns auslacht. Morgen müsst ihr euch ein bisschen mehr Mühe geben!“ Die Leute antworteten: „Die Herrin hat nicht zum ersten Mal etwas zu regeln. Wie sollten wir es wagen, uns zu widersetzen? Aber diesmal ist die Sache zu umständlich. Nehmen wir nur das Auftragen des Mahls: Die einen essen hier, die anderen wollen zu Hause essen; wenn man eine Herrin einlädt, kommt eine andere Gemahlin nicht. So etwas ist nie vollständig. Wir bitten die Herrin, den jungen Damen zuzureden, nicht so wählerisch zu sein, dann wäre es gut.“ Die Phönixschwester sagte: „Erstens sind die Zofen der alten Dame schwer zu handhaben, und auch die der Herrinnen sind nicht leicht zu beschwichtigen. Zu wem soll ich da gehen?“ Die Leute entgegneten: „Früher, als die Herrin noch im Ostpalast die stellvertretende Leitung hatte, konnte sie schlagen und schimpfen, wie sie wollte, und alle gehorchten. Warum kann sie jetzt nicht einmal mehr diese jungen Damen in Schach halten?“ Die Phönixschwester seufzte: „Damals im Ostpalast hatte ich zwar die Leitung übertragen bekommen, aber die Herrin war dort, und ich konnte mich nicht allzu deutlich äußern. Jetzt sind es unsere eigenen Angelegenheiten, und es geht um das gemeinsame Vermögen, da hat jeder etwas zu sagen. Außerdem ist das Geld von außen nicht verfügbar. Wenn zum Beispiel im Zelt etwas gebraucht wird, wird es angefordert, aber es kommt nie herein. Was kann ich da tun?“ Die Leute fragten: „Der zweite Herr draußen – sollte der nicht für alles aufkommen?“ Die Phönixschwester sagte: „Redet nicht davon! Auch er sitzt in der Klemme. Erstens hat er das Geld nicht in der Hand; für jede Kleinigkeit muss er erst nachfragen. Wie soll das klappen?“ Die Leute sagten: „Ist das Geld der alten Dame nicht in den Händen des zweiten Herrn?“ Die Phönixschwester antwortete: „Fragt später den Verwalter, dann werdet ihr es erfahren.“ Die Leute sagten: „Kein Wunder, dass wir die Männer draußen klagen hören: ‚Bei so einer großen Sache kriegen wir gar nichts ab, sondern haben nur die undankbare Arbeit!‘ Wie sollen die Leute da mitmachen?“ Die Phönixschwester sagte: „Reden wir jetzt nicht mehr davon. Passt bei den unmittelbaren Aufgaben ein wenig auf! Wenn oben etwas gesagt wird, werde ich mit euch abrechnen!“ Die Leute erwiderten: „Was die Herrin auch verlangt, wie sollten sie es wagen, zu murren? Aber oben hat jeder seine eigene Meinung, und wir können es wirklich nicht allen recht machen.“ Die Phönixschwester hörte das und wusste keinen Rat mehr. So bat sie flehentlich: „Liebe Tanten! Helft mir morgen nur einen Tag! Wenn ich erst die jungen Damen zur Vernunft gebracht habe, reden wir weiter!“ Die Leute gehorchten und gingen.

Xifeng war voller Groll, und je mehr sie darüber nachdachte, desto wütender wurde sie. Sie hielt es bis zum Morgengrauen aus und musste dann wieder zum Dienst antreten. Sie wollte die Leute in den verschiedenen Abteilungen zurechtweisen, fürchtete aber, Xing Furen zu verärgern. Sie wollte Wang Furen davon erzählen, doch Xing Furen hatte Zwietracht gesät. Diese Mädchen sahen, dass Xing Furen und die anderen Xifeng nicht halfen, Autorität aufzubauen, und behandelten sie noch schlimmer. Zum Glück vermittelte Ping’er für Xifeng und sagte: „Die Zweite Herrin möchte die Dinge nur gut machen, aber die Herren und Damen haben angeordnet, dass draußen kein Geld verschwendet werden darf, deshalb kann unsere Zweite Herrin nicht in allen Dingen vollkommen sein.“ Nachdem sie dies einige Male gesagt hatte, beruhigten sie sich ein wenig. Obwohl man Mönche und Daoisten einlud, Sutren zu rezitieren und für die Toten zu beten, und die Leute, die Opfergaben brachten und Vorhänge aufhingen, in einem endlosen Strom kamen, war man letztlich beim Geld geizig. Wer wollte sich schon anstrengen? Es wurde nur oberflächlich und hastig erledigt. In den letzten Tagen waren auch viele Königinnen und Damen mit Adelstiteln gekommen. Xifeng konnte nicht nach oben gehen, um sich um sie zu kümmern, sondern musste unten herumwirtschaften, rief die eine, während die andere wegging, geriet eine Weile in Panik, flehte eine Weile, pfuschte eine Gruppe durch und schickte die nächste ab. Ganz zu schweigen davon, dass Yuanyang und die anderen dies für unpassend hielten, sogar Xifeng selbst war es peinlich.

Xing Furen, obwohl sie die Ehefrau des ältesten Sohnes war, berief sich auf das Prinzip „tiefe Trauer ist kindliche Pietät“ und kümmerte sich um nichts. Wang Furen war froh, sich nach Xing Furen richten zu können, und der Rest braucht nicht erwähnt zu werden. Nur Li Wan erkannte Xifengs Notlage, wagte aber nicht, für sie zu sprechen. Sie seufzte nur bei sich: „Wie das Sprichwort sagt: ‚So schön die Pfingstrose auch ist, sie braucht die Stütze der grünen Blätter.‘ Wenn die Herrschaften Feng’er nicht helfen, werden diese Leute dann bereit sein zu helfen! Wenn die Dritte Miss zu Hause wäre, wäre es noch gut, aber jetzt müssen nur ein paar von ihren eigenen Leuten herumwirtschaften. Offen und heimlich beklagen sie sich, dass sie keinen einzigen Penny bekommen und nicht das geringste Gesicht wahren können. Der Alte Herr ist ganz auf kindliche Pietät bedacht und versteht die Haushaltsangelegenheiten nicht richtig. Bei einer so wichtigen Sache, kann man sie denn ohne großzügiges Ausgeben von Geld bewältigen! Die arme Feng’er hat sich jahrelang abgemüht, aber jetzt, bei der Angelegenheit der Alten Frau, wird sie wohl ihr Gesicht nicht wahren können.“ Also nahm sie sich einen Moment Zeit, rief ihre Leute und wies sie an: „Seht nicht auf andere und macht auch die Zweite Herrin Lian nieder. Glaubt nicht, dass Trauerkleidung tragen und am Sarg wachen schon die ganze Sache ist. Es ist nur, um ein paar Tage zu überbrücken. Wenn ihr seht, dass die Leute nicht zurechtkommen, könnt ihr auch eine Hand anlegen. Das ist auch eine öffentliche Angelegenheit, und alle sollten ihre Kräfte einsetzen.“ Diejenigen, die immer unter Li Wan gedient hatten, antworteten alle: „Die Erste Herrin hat recht. Wir wagen so etwas auch nicht. Aber wir hörten, dass Yuanyang und die anderen Schwestern so klangen, als ob sie der Zweiten Herrin Lian die Schuld gäben.“ Li Wan sagte: „Selbst Yuanyang habe ich es gesagt. Ich sagte, die Zweite Herrin Lian ist nicht nachlässig in der Angelegenheit der Alten Frau, aber das Geld ist nicht in ihrer Hand. Wie soll die geschickte Schwiegertochter einen Brei ohne Reis kochen? Jetzt weiß Yuanyang es auch, deshalb macht sie ihr keine Vorwürfe. Aber Yuanyangs Art ist nicht mehr wie früher. Das ist seltsam. Damals, als die Alte Frau sie noch liebte, übte sie nie Macht aus. Jetzt, wo die Alte Frau tot ist und sie keinen Rückhalt mehr hat, scheint sie mir etwas schlechter gelaunt zu sein. Früher machte ich mir Sorgen um sie, aber jetzt ist es ein Glück, dass der Erste Alte Herr nicht zu Hause ist, so ist sie dem entgangen. Sonst hätte sie keine Möglichkeit gehabt.“

Während sie sprach, kam Jia Lan herein und sagte: „Mutter, geh schlafen. Du bist den ganzen Tag mit Kommen und Gehen der Leute müde. Ruh dich aus. Ich habe in den letzten Tagen überhaupt kein Buch in die Hand genommen. Heute hat mich Großvater nach Hause schlafen geschickt, und ich bin sehr froh. Ich möchte mir ein oder zwei Bücher vornehmen. Sonst vergesse ich alles, wenn die Trauerzeit vorbei ist.“ Li Wan sagte: „Gutes Kind, Bücher lesen ist natürlich gut. Ruh dich heute erst einmal aus. Lies sie erst, wenn die Alte Frau beigesetzt ist.“ Jia Lan sagte: „Wenn Mutter schlafen geht, kann ich auch im Bett liegen und ein wenig nachdenken.“ Alle, die dies hörten, lobten ihn: „Was für ein guter junger Herr! In so jungen Jahren denkt er in seiner freien Zeit gleich an die Bücher! Ganz anders als der Zweite Herr Bao, der verheiratet ist und sich immer noch wie ein Kind benimmt. In diesen Tagen kniete er mit dem Alten Herrn, aber man sah, dass es ihm sehr unangenehm war. Sobald der Alte Herr sich bewegte, lief er gleich zur Zweiten Herrin und flüsterte irgendetwas, bis die Zweite Herrin ihn nicht mehr beachtete. Dann suchte er die Miss Qin auf, aber auch sie wich ihm weit aus. Die Miss Xing sprach auch kaum mit ihm. Nur unsere eigenen Miss Xi und Miss Si waren mit ‚Bruder hier‘ und ‚Bruder da‘ sehr vertraut mit ihm. Wir sehen, dass der Zweite Herr Bao, außer sich mit den Herrinnen und Fräuleins abzugeben, wohl nichts anderes im Kopf hat. Die Liebe der Alten Frau, die ihn so großgezogen hat, ist vergeblich. Er ist nicht einen Deut wert wie der junge Herr Lan. Erste Herrin, du brauchst dir um deine Zukunft keine Sorgen zu machen.“ Li Wan sagte: „Selbst wenn er gut ist, ist er noch klein. Ich fürchte, wenn er groß ist, weiß man noch nicht, wie es um unsere Familie steht! Was haltet ihr von Huan’er?“ Die Leute sagten: „Der ist noch schlimmer! Seine beiden Augen sind wie die eines lebendigen Affen, schielen hierhin und dorthin. Obwohl er dort heult, wenn die Herrinnen und Fräuleins kommen, beobachtet er sie heimlich durch den Vorhang.“ Li Wan sagte: „Er ist eigentlich auch nicht mehr jung. Neulich hörte ich, dass man ihm eine Heirat vermitteln wollte, aber jetzt muss er wieder warten. Ach, und noch etwas – bei unseren Leuten hier, ich glaube, das ist unübersichtlich. Aber lassen wir das Geschwätz – wie steht es am Tag nach der Beisetzung mit den Wagen der verschiedenen Zweige?“ Die Leute sagten: „Die Zweite Herrin Lian war in diesen Tagen ganz verstört, und man hat nichts nach draußen dringen hören. Gestern hörte ich von meinem Mann, dass der Zweite Herr Lian den Zweiten Herrn Qiang damit beauftragt hat. Er sagte, unsere eigenen Wagen reichen nicht, und es gibt auch zu wenig Kutscher. Man muss sich welche von Verwandten leihen.“ Li Wan lachte: „Kann man denn Wagen leihen?“ Die Leute sagten: „Die Herrin macht wohl einen Scherz. Warum kann man keine Wagen leihen? Nur, dass an diesem Tag alle Verwandten Wagen brauchen. Es wird wohl schwer sein, welche zu leihen. Ich denke, man wird welche mieten müssen.“ Li Wan sagte: „Für die Untergebenen kann man sie mieten, aber kann man auch die weißen Wagen für die Vornehmen mieten?“ Die Leute sagten: „Jetzt haben die Erste Herrin, die Erste Herrin des Osthofes und die Kleine Herrin Rong keine Wagen mehr. Woher sollen sie welche nehmen, wenn nicht durch Mieten?“ Li Wan seufzte, als sie dies hörte: „Früher, wenn ich sah, dass unsere Herrinnen und Damen in gemieteten Wagen kamen, machten wir uns darüber lustig. Jetzt sind wir selbst an der Reihe. Sag morgen deinem Mann, dass wir unseren Wagen und unsere Pferde frühzeitig bereitstellen sollen, um Gedränge zu vermeiden.“ Die Leute versprachen es und gingen hinaus. Dies sei nicht weiter erwähnt.

Was Shi Xiangyun betrifft, so war sie, da ihr Mann krank war, nach dem Tod der Alten Frau nur einmal gekommen. Sie zählte an den Fingern ab, dass sie am Tag nach der Beisetzung nicht ausbleiben konnte. Da die Krankheit ihres Mannes bereits zur Schwindsucht geworden war, aber vorerst keine Gefahr bestand, kam sie am Abend vor der Nachtwache. Sie dachte daran, wie die Alte Frau sie immer geliebt hatte, und dann an ihr eigenes bitteres Schicksal. Sie hatte gerade einen Mann mit Talent und Schönheit bekommen, der auch noch einen guten Charakter hatte, aber ausgerechnet war er von dieser unheilvollen Krankheit befallen worden. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Darüber war sie noch trauriger und weinte die halbe Nacht hindurch. Yuanyang und die anderen redeten ihr immer wieder zu, aber es half nichts. Baoyu war ebenfalls unendlich traurig, wagte aber nicht, sie zu trösten. Er sah ihre schlichte Kleidung und die weiße Trauer, ganz ohne Make-up, und sie war noch schöner als vor ihrer Heirat. Dann betrachtete er Baoqin und die anderen in ihrer schlichten Trauerkleidung; sie hatten eine ganz natürliche Anmut. Nur Baochai trug die ganze Trauerkleidung, und wer hätte gedacht, dass sie darin noch eleganter wirkte als in ihrer farbigen Alltagskleidung. Er dachte bei sich: „Deshalb heißt es, dass unter den tausend Rottönen und den purpurnen Farben die Pflaumenblüte den ersten Rang einnimmt. Man weiß nicht, dass es nicht daran liegt, dass die Pflaumenblüte zuerst blüht, sondern dass sie die anderen an ‚Reinheit und Duft‘ übertrifft. Aber wenn jetzt die Schwester Lin auch so gekleidet wäre, wie müsste ihre Anmut dann sein!“ Bei diesem Gedanken wurde ihm weh ums Herz, und die Tränen rollten ihm nur so herunter. Er nutzte die Gelegenheit der Angelegenheit der Alten Frau und weinte laut los. Die Leute waren gerade dabei, Xiangyun zu trösten, als draußen noch ein Weinender hinzukam. Alle dachten, er dächte an die Güte der Alten Frau, die ihn geliebt hatte, und sei deshalb so traurig. Aber wer wusste schon, dass jeder seine eigenen Sorgen hatte? Dieses laute Weinen ließ alle im Raum die Tränen vergießen. Erst Xue Yima und Li Shenniang konnten sie beruhigen.

Am nächsten Tag war die Nachtwache, und es war noch lebhafter. Xifeng hielt es an diesem Tag nicht mehr aus. Sie hatte keine andere Wahl und musste ihre ganze Kraft einsetzen, sogar ihre Stimme heiser schreien, um den halben Tag zu überstehen. Am Nachmittag kamen noch mehr Gäste, und die Angelegenheiten wurden noch zahlreicher. Sie konnte sich nicht um alles kümmern. Während sie noch in Eile war, kam ein kleines Mädchen herbeigelaufen und sagte: „Die Zweite Herrin ist hier! Kein Wunder, dass die Erste Herrin sagt, drinnen seien zu viele Leute, um sich um alles zu kümmern, und die Zweite Herrin verstecke sich, um sich zu vergnügen.“ Als Xifeng dies hörte, stieg ihr die Wut auf, sie schluckte sie hinunter, aber die Tränen flossen nur so. Sie wurde schwarz vor Augen, und es wurde ihr süß im Mund, dann spuckte sie hellrotes Blut. Sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und sank zu Boden. Zum Glück kam Ping’er schnell herbei und stützte sie. Xifeng hörte nicht auf zu bluten. Ob sie am Leben blieb oder nicht, das wird im nächsten Kapitel erzählt.