
Liaozhai: Seltsame Geschichten
Liaozhai zhiyi (Seltsame Geschichten aus der Studierstube der Muße) ist eine Sammlung literarischer Kurzgeschichten in klassischem Chinesisch, verfasst vom Gelehrten Pu Songling aus der Qing-Dynastie. Sie gilt als der Gipfel der chinesischen klassischen Geister- und Wundererzählungen. Das Werk umfasst nahezu fünfhundert Stücke, die sich mit Fuchsgeistern, Blumenfeen, der Begegnung von Menschen und Göttern sowie Anekdoten aus dem städtischen Alltag befassen. Durch phantastische Geschichten verleiht der Autor seiner Kritik an der gesellschaftlichen Wirklichkeit Ausdruck und seinem Streben nach einem idealen Charakter. Lu Xun pries das Werk mit den Worten: Es bedient sich der Methode der Legenden, um Wunderdinge zu schildern.
Pu Songling bestand die Beamtenprüfungen immer wieder nicht, unterrichtete lange Zeit in ländlichen Privatschulen und verfasste Liaozhai als eine Art Buch, dem er seine Gedanken anvertraute. Berühmte Stücke wie Nie Xiaoqian, Die gemalte Haut, Die Grillen, Yingning, Xi Fangping und Der Taoist vom Berg Lao zeichnen sich durch verschlungene Handlungen und lebendige Figuren aus. Sie schildern sowohl die Wunder der Unterwelt als auch die Leiden der Menschenwelt. Mit ihrer Satire auf das Prüfungssystem, der Enthüllung von Missständen in der Verwaltung und der Verherrlichung wahrer Gefühle besitzen sie eine tiefgreifende gesellschaftliche Bedeutung.
Liaozhai zhiyi nimmt in der Literaturgeschichte einen hohen Rang ein. Es setzt die Tradition der Geistergeschichten von Soushen ji (Aufzeichnungen von der Suche nach Geistern) und Taiping guangji (Umfassende Sammlung aus der Zeit des Großen Friedens) fort und eröffnet zugleich neue Wege für die literarische Kurzgeschichte in klassischer Sprache. Das Werk wurde unzählige Male kommentiert und adaptiert; viele seiner Geschichten wurden in Opern, Erzähltexte und moderne Film- und Fernsehwerke umgewandelt und sind so zu einem wichtigen Bestandteil der chinesischen Populärkultur geworden.
Als krönender Abschluss der Geisterliteratur trägt Liaozhai zhiyi den stillen Widerstand der Gelehrten gegen die Wirklichkeit und ihre beharrliche Suche nach Schönheit im Gewand der Muße zur eigenen Unterhaltung. Wer dieses Buch liest, kann in den Fuchsgeistern und Blumendämonen die Wärme und Kälte menschlicher Beziehungen erkennen und erfahren, wie der klassische chinesische Roman das Phantastische mit dem Realen in einem Schmelztiegel vereint.
