Kapitel 17: Der tätowierte Mönch greift allein den Zweidrachenberg an; Der grüne Untersetzte erobert doppelt das Kostbare-Perlen-Kloster
Siebzehntes Kapitel: Der tätowierte Mönch kämpft allein am Zweidrachenberg; Das grüngesichtige Biest erobert im Doppelangriff das Perljuwelkloster
Es ist davon zu reden, dass Yang Zhi damals auf dem Gelben Lehmhügel den »Geburtstagszug« geraubt worden war. Wie sollte er da vor dem Kanzleischreiber Liang erscheinen? Er wollte sich eben auf dem Hügel das Leben nehmen. Als er sich gerade vom Gelben Lehmhügel hinabstürzen wollte, kam er plötzlich zur Besinnung, hielt den Fuß an und dachte bei sich: »Vater und Mutter haben mich geboren, eine stattliche Erscheinung, ein furchterregender Körper. Seit meiner Kindheit habe ich die achtzehn Kampfkünste erlernt. Sollte ich mich einfach so aufgeben? … Statt jetzt zu sterben, ist es besser, später, wenn sie die Räuber gefangen haben, die Sache weiter zu verfolgen.« Er drehte sich um und sah die vierzehn Leute an. Sie starrten Yang Zhi nur mit offenen Augen an, keiner konnte sich aufraffen. Yang Zhi zeigte auf sie und schimpfte: »Ihr seid alle daran schuld, dass ihr nicht auf mich gehört habt, und habt diese Sache verursacht, die mich in Mitleidenschaft zieht.« Er nahm seinen Säbel vom Baumwurzelstock auf, hängte sich das Hüftschwert um, sah sich um – es war nichts anderes da –, seufzte und ging den Hügel hinab.
Jene vierzehn Leute kamen erst in der zweiten Nachtwache wieder zu sich. Sie richteten sich einer nach dem anderen auf und beklagten sich nur laut über ihr Unglück. Der alte Verwalter sagte: »Ihr alle habt nicht auf die guten Worte des Hauptmanns Yang gehört. Heute habt ihr mich ins Verderben gestürzt!« Die Leute erwiderten: »Herr, die Sache ist heute bereits geschehen. Lasst uns erst einmal überlegen.« Der alte Verwalter fragte: »Was habt ihr für einen Vorschlag?« Die Leute sagten: »Wir haben unrecht gehandelt. Die Alten sagten: ›Wenn das Feuer den Körper erreicht, kehrt jeder vor seiner eigenen Tür; wenn die Biene oder der Skorpion in den Busen kriecht, zieht man sofort das Kleid aus.‹ Wenn Hauptmann Yang noch hier wäre, könnten wir uns nicht herausreden. Jetzt, da er selbst gegangen ist und niemand weiß, wohin, warum sollten wir nicht, wenn wir zurückgehen und den Herrn Kanzleischreiber Liang sehen, alles auf ihn schieben? Wir sagen nur: ›Er hat uns auf dem ganzen Weg schikaniert, geschlagen und beschimpft, uns so unter Druck gesetzt, dass wir uns nicht rühren konnten. Er war mit den Räubern unter einer Decke, hat uns mit Betäubungstrank umgelegt, uns Hände und Füße gefesselt und das ganze Gold, Silber und die Kostbarkeiten geraubt.‹« Der alte Verwalter sagte: »Diese Rede ist auch richtig. Wir warten bis zum Morgengrauen, gehen als erste zur örtlichen Behörde und zeigen den Fall an. Lasst zwei Unteroffiziere zurück, die beim Gericht warten sollen, bis die Räuber gefasst sind. Wir anderen reisen die ganze Nacht zurück nach Peking, melden es unserem Herrn, damit er ein Schreiben aufsetzt und es dem Großkanzler zur Kenntnis bringt, und dann die Präfektur Jinan anweist, diese Räuberbande zu verfolgen und zu fangen, das ist alles.« Am nächsten Tag bei Tagesanbruch gingen der alte Verwalter und seine Leute zur zuständigen Behörde der Präfektur Jinan, um Anzeige zu erstatten. Davon sei nicht weiter die Rede.
Es sei nun von Yang Zhi erzählt, der mit seinem Säbel in der Hand, verdrossen und unglücklich, den Gelben Lehmhügel verließ und einen halben Tag nach Süden ging. Dann ging er wieder eine halbe Nacht, bis er im Wald Rast machte und bei sich dachte: »Das Reisegeld ist auch alle, und weit und breit sehe ich keinen Bekannten. Was soll ich nur tun? …« Allmählich wurde der Himmel hell, und er musste sich in der Morgenkühle auf den Weg machen. Er ging weitere zwanzig Li. Es heißt dazu:
Das grüne, giftige Gesicht zeigt Heldenmut,
Verschenkt elf Traglasten Gold und Juwelen.
Warum eilt er heute so hastig dahin?
Man weiß nicht, wen die Peitsche treffen wird.
Damals, als Yang Zhi sich mühsam dahinschleppte, kam er vor ein Gasthaus. Yang Zhi sagte: »Wenn ich nicht etwas Wein bekomme, wie soll ich das durchhalten?« Er ging in das Gasthaus hinein, setzte sich auf einen der Hocker an einem Maulbeerholztisch und lehnte seinen Säbel neben sich. Da sah er eine Frau am Herd, die fragte: »Herr Gast, wollt Ihr vielleicht etwas zu essen?« Yang Zhi sagte: »Bringt zuerst zwei Krüge Wein zum Trinken, leiht mir etwas Reis zum Kochen, und wenn es Fleisch gibt, richtet etwas davon an. Später werde ich alles auf einmal bezahlen.« Die Frau rief zuerst einen jungen Burschen herbei, der den Wein einschenkte, kochte gleichzeitig Reis und briet Fleisch, und brachte alles Yang Zhi zum Essen. Yang Zhi stand auf, ergriff seinen Säbel und ging zur Tür hinaus. Die Frau rief: »Ihr habt den Wein, das Fleisch und den Reis noch nicht bezahlt!« Yang Zhi sagte: »Wartet, bis ich zurückkomme, dann werde ich es bezahlen. Borgt es mir fürs Erste.« Mit diesen Worten ging er weiter.
Der junge Bursche, der den Wein eingeschenkt hatte, eilte hinterher, packte Yang Zhi, wurde aber von Yang Zhi mit einem Faustschlag niedergestreckt. Die Frau schrie laut auf. Yang Zhi ging einfach weiter, da hörte er hinter sich jemanden herbeieilen, der rief: »Du da, wohin willst du?« Yang Zhi drehte sich um und sah, wie ein Mann mit entblößtem Oberkörper, eine Keule in der Hand, auf ihn zugestürmt kam. Yang Zhi sagte: »Dieser Kerl hat wohl Pech, dass er mich sucht!« Er blieb stehen und rührte sich nicht. Als er nach hinten sah, kam auch der junge Bursche, der den Wein eingeschenkt hatte, mit einer Heugabel und führte zwei oder drei Landarbeiter mit sich, jeder mit einer Keule, die wie der Wind herbeieilten. Yang Zhi sagte: »Wenn ich diesen einen erledige, werden die anderen es nicht wagen, mir zu folgen.« Er hielt seinen Säbel vor sich und stellte sich dem Mann zum Kampf. Dieser schwang ebenfalls seine Keule und griff an. Die beiden kämpften etwa zwanzig bis dreißig Runden. Wie konnte dieser Mann Yang Zhi widerstehen? Er konnte sich nur mit Abwehr und Deckung behelfen, duckte sich und wich aus.
Die nachfolgenden Burschen und Landarbeiter wollten gerade alle gleichzeitig angreifen, da sprang der Mann aus dem Kreis heraus und rief: »Haltet alle ein! Du großer Kerl mit dem Säbel, nenne deinen Namen!« Yang Zhi schlug sich auf die Brust und sagte: »Ich ändere meinen Namen nicht, wenn ich gehe, und nicht, wenn ich sitze. Ich bin das ›Grüngesichtige Biest‹ Yang Zhi!« Der Mann fragte: »Seid Ihr nicht der Hauptmann Yang von der Kaiserlichen Garde in der Hauptstadt?« Yang Zhi sagte: »Woher weißt du, dass ich der Hauptmann Yang bin?« Der Mann warf seine Keule weg, verbeugte sich und sagte: »Ich, der Geringe, hatte Augen, aber ich erkannte den Großen Berg Taishan nicht.« Yang Zhi half dem Mann auf und fragte: »Wer seid Ihr, mein Herr?« Der Mann sagte: »Ich, der Geringe, stamme ursprünglich aus der Präfektur Kaifeng. Ich bin ein Schüler von Lin Chong, dem Ausbilder der Achtzigtausend kaiserlichen Garden. Ich heiße Cao, mit Vornamen Zheng. Meine Vorfahren waren Metzger von Beruf. Ich, der Geringe, kann gut schlachten, Sehnen trennen, Knochen abziehen, häuten und ausweiden. Deshalb nennt man mich das ›Metzgermesser‹. Weil ein reicher Mann aus meiner Heimat mir fünftausend Groschen gab und mich hierher nach Shandong schickte, um Handel zu treiben, verlor ich leider mein Kapital, konnte nicht in die Heimat zurückkehren und habe mich hier in diese Bauernfamilie eingeheiratet. Die Frau eben am Herd ist meine Gattin. Dieser hier mit der Heugabel ist der Bruder meiner Frau. Eben, als ich, der Geringe, mit dem Hauptmann kämpfte, sah ich, dass Eure Kampftechnik der meines Meisters, des Ausbilders Lin, gleicht, deshalb konnte ich nicht widerstehen.« Yang Zhi sagte: »Du bist also der Schüler von Ausbilder Lin. Dein Meister wurde vom Großmarschall Gao hereingelegt und ist zu den Banditen gegangen. Jetzt ist er auf dem Liangshan-Moor.« Cao Zheng sagte: »Ich, der Geringe, habe auch davon gehört, weiß aber nicht, ob es wahr ist. Bitte, Herr Hauptmann, kommt in mein Haus und ruht Euch ein wenig aus.«
Yang Zhi ging mit Cao Zheng zurück in das Gasthaus. Cao Zheng bat Yang Zhi, sich im Inneren zu setzen, und ließ seine Frau und den Schwager kommen, um sich vor Yang Zhi zu verbeugen. Dann ließ er erneut Wein und Essen auftragen. Beim Trinken fragte Cao Zheng: »Herr Hauptmann, wie kommt Ihr hierher?« Yang Zhi erzählte von Anfang bis Ende, wie er als Hauptmann den Blumenstein-Transport verloren hatte und wie er nun auch den »Geburtstagszug« des Kanzleischreibers Liang verloren hatte. Cao Zheng sagte: »Wenn dem so ist, dann bleibt, Herr Hauptmann, ein paar Tage in meinem bescheidenen Haus, und wir werden weiter beraten.« Yang Zhi sagte: »Dafür bin ich Euch sehr dankbar für Eure Güte. Ich fürchte nur, dass die Behörden mich verfolgen werden, und wage nicht, lange zu bleiben.« Cao Zheng sagte: »Wenn der Herr Hauptmann so spricht, wohin wollt Ihr dann gehen?« Yang Zhi sagte: »Ich möchte zum Liangshan-Moor gehen, um deinen Meister, den Ausbilder Lin, zu suchen. Als ich früher dort vorbeikam, traf ich ihn gerade, wie er den Berg herabkam, und wir kämpften miteinander. Wang Lun sah, dass wir beide gleich gut waren, und behielt uns beide im Berglager. So lernte ich deinen Meister Lin Chong kennen. Wang Lun drängte mich damals sehr zu bleiben, aber ich schloss mich den Banditen nicht an. Jetzt, da ich noch ein ›goldenes Siegel‹ auf meinem Gesicht habe, zu ihm zu gehen, das wäre wahrlich ohne Ehrgefühl. Deshalb zögere ich und bin unentschlossen, zwischen Vor und Zurück gefangen.«
Cao Zheng sagte: »Der Herr Hauptmann hat recht. Ich, der Geringe, habe auch die Leute erzählen hören: Dieser Wang Lun ist engherzig und kann keine Leute um sich dulden. Man sagt, dass mein Meister, der Ausbilder Lin, als er auf den Berg kam, viel von ihm erdulden musste. Es ist nicht weit von hier, es ist im Gebiet von Qingzhou. Dort gibt es einen Berg, der heißt Zweidrachenberg. Auf dem Berg gibt es ein Kloster, das heißt Perljuwelkloster. Dieser Berg ist von Natur aus so, dass er dieses Kloster umschließt, und es gibt nur einen Weg hinauf. Jetzt hat der Abt des Klosters die Gelübde gebrochen, sich die Haare wachsen lassen, und die übrigen Mönche sind ihm gefolgt. Es heißt, er habe vier- bis fünfhundert Mann um sich versammelt und sie überfallen Häuser und rauben. Der Anführer heißt ›Goldaugentiger‹ Deng Long. Wenn der Herr Hauptmann die Absicht hat, Bandit zu werden, dann geht dorthin und tretet der Bande bei. Dort könnt Ihr Euch niederlassen.« Yang Zhi sagte: »Wenn es diesen Ort gibt, warum sollte ich ihn nicht erobern, um dort eine Bleibe zu finden?«
Noch am selben Abend übernachtete er in Cao Zhengs Haus, borgte sich etwas Reisegeld, nahm seinen Säbel, verabschiedete sich von Cao Zheng, machte sich auf den Weg und ging zum Zweidrachenberg. Er ging einen Tag lang, es wurde allmählich Abend, und bald sah er einen hohen Berg. Yang Zhi sagte: »Ich werde im Wald eine Nacht ausruhen und morgen den Berg hinaufgehen.« Er bog in den Wald ein und erschrak. Da sah er einen dicken, großen Mönch, der sich völlig nackt ausgezogen hatte, auf dem Rücken tätowierte Blumen, der unter einer Kiefer am Boden saß und sich Kühlung verschaffte. Der Mönch, der Yang Zhi sah, ergriff seine eiserne Mönchskrücke am Baumstumpf, sprang auf und brüllte: »He, du Scheißkerl, wo kommst du her?« Es heißt dazu:
Den Perlenschatz trug er umsonst davon,
Jetzt fordert er die Rechnung im Perljuwelkloster.
Um in die Räuberbande im Kloster einzutreten,
Lockt er zuerst den Mönch aus dem Kloster hervor.
Yang Zhi hörte zu und sagte: »Das ist also auch ein Mönch aus Guānxi. Wir sind Landsleute, ich will ihn fragen.« Yang Zhi rief: »Du Mönch, woher kommst du?« Der Mönch antwortete nicht, sondern schwang seinen Stab und schlug auf ihn ein. Yang Zhi sagte: »Dieser kahlköpfige Schuft ist unverschämt, ich will mir an ihm Luft machen!« Er hob seine Hellebarde und stürmte auf den Mönch zu. Die beiden kämpften im Wald, hin und her, auf und ab, und es war, als sähe man:
Zwei Drachen streiten um einen Schatz, ein Tigerpaar ringt um Beute. Der Stab erhob sich wie Tigers Schwanz und Drachens Sehnen, die Hellebarde wirbelte wie Drachens Barthaare und Tigers Krallen. Krachend und dröhnend, Himmel und Erde brachen ein, in den Kampfwolken wirbelte schwarzer Dunst; grimmig und wild, Donner brüllte und Wind heulte, im Todeshauch blitzte goldenes Licht. Zwei Drachen um den Schatz – sie erschreckten den starken, schwerbewaffneten Zhou Chu, dass ihm das Licht in den Augen verging; ein Tigerpaar um die Beute – sie jagten dem mutigen, unerschrockenen Bian Zhuang mit dem blanken Schwert solchen Schrecken ein, dass ihm die Seele entwich. Zwei Drachen um den Schatz – ihre Augen funkelten, ihre Schwänze peitschten, dass die Hallen der Wasserkönigin erzitterten; ein Tigerpaar um die Beute – die wilden Tiere flohen, ihr Gebrüll ließ dem Berggott die Haare zu Berge stehen.
Damals kämpften Yang Zhi und der Mönch vierzig bis fünfzig Runden, ohne dass einer den Sieg errang. Der Mönch tat, als öffne er eine Lücke, sprang mit einem Satz aus dem Kreis und rief: »Halt!« Beide hielten inne. Yang Zhi bewunderte ihn insgeheim: »Wo kommt dieser Mönch her! Wahrhaftig gute Fähigkeiten, hohe Kunst! Ich kann ihn gerade noch parieren!« Der Mönch rief: »He, du mit dem blauen Gesicht, wer bist du?« Yang Zhi sagte: »Ich bin Yang Zhi, der kaiserliche Befehlshaber aus Dongjing.« Der Mönch sagte: »Bist du nicht der, der in Dongjing das Messer verkaufte und den heruntergekommenen Niu Er tötete?« Yang Zhi sagte: »Siehst du nicht das Brandmal auf meinem Gesicht?« Der Mönch lachte: »Da treffen wir uns also hier!« Yang Zhi sagte: »Darf ich fragen, wer der geehrte Herr Bruder ist? Warum weißt du von meinem Messerverkauf?« Der Mönch sagte: »Ich bin niemand anders als Lu Tiwei, der frühere Offizier unter dem alten General Zhong in Yan’an. Weil ich den ‘Zhen Guanxi’ mit drei Faustschlägen totgeschlagen habe, ließ ich mich auf dem Wutai-Berg scheren und wurde Mönch. Weil die Leute die Tätowierung auf meinem Rücken sahen, nennen sie mich alle den ‘Blumenmönch’ Lu Zhishen.«
Yang Zhi lachte: »Das ist also ein Landsmann! Ich habe im ganzen Land oft von deinem Namen gehört. Man sagte, du seist im Daxiangguo-Tempel eingekehrt – warum bist du jetzt hier?« Lu Zhishen sagte: »Eine lange Geschichte. Ich hütete den Gemüsegarten im Daxiangguo-Tempel, als ich auf den ‘Leopardenkopf’ Lin Chong traf, den der Großmarschall Gao vernichten wollte. Ich sah das Unrecht auf dem Weg, begleitete ihn bis nach Cangzhou und rettete ihm das Leben. Die beiden Aufseher kamen zurück und sagten zu diesem Schuft Gao Qiu: ‘Wir wollten Lin Chong gerade im Wildschweinwald töten, da rettete ihn Lu Zhishen vom Daxiangguo-Tempel; der Mönch begleitete ihn bis nach Cangzhou, so dass wir ihn nicht umbringen konnten.’ Dieser verdammte Kerl hasst mich bis aufs Blut, befahl dem Abt des Tempels, mich nicht mehr aufzunehmen, und schickte Leute, mich zu fangen. Zum Glück warnten mich ein paar Taugenichtse, sonst wäre ich ihm in die Hände gefallen. Ich zündete die Hütten im Gemüsegarten an, floh in die Welt und fand nirgends Ruhe. Am Kreuzweg in Mengzhou wäre ich fast von einer Wirtin umgebracht worden, die mich mit Betäubungstrank überwältigte. Doch ihr Mann kam früh zurück, sah meinen Zustand, erschrak über meinen Stab und mein Ritualmesser und gab mir schnell das Gegenmittel. Er fragte nach meinem Namen, behielt mich ein paar Tage und schloss Bruderschaft mit mir. Das Ehepaar sind ebenfalls berühmte Helden in der Welt; er heißt ‘Der Gemüsegärtner’ Zhang Qing, seine Frau ‘Die Nachtmahr’ Sun Erniang, beide sehr ehrenhaft. Nach vier, fünf Tagen erfuhr ich, dass man sich im Baozhu-Tempel auf dem Erlong-Berg niederlassen könne. Ich kam extra, um mich Deng Long anzuschließen, aber dieser Schuft wollte mich nicht auf dem Berg aufnehmen. Im Kampf konnte er mir nicht standhalten, also verriegelte er die drei Pässe am Fuß des Berges fest. Es gibt keinen anderen Weg hinauf, und der elende Kerl kommt nicht herunter, egal wie ich ihn beschimpfe. Ich war verzweifelt, weil ich keine Lösung fand, und da treffe ich dich, großer Bruder!« Yang Zhi war hocherfreut. Die beiden verbeugten sich im Wald und saßen die Nacht über auf dem Boden.
Yang Zhi erzählte ausführlich, wie er das Messer verkaufte und Niu Er tötete, und wie er den »Geburtstagsschatz« verlor. Auch berichtete er, dass Cao Zheng ihm den Weg hierher gewiesen hatte, und sagte: »Wenn die Pässe verriegelt sind, wie sollen wir ihn dann herunterbekommen? Gehen wir lieber zu Cao Zheng und beraten uns.«
Die beiden machten sich zusammen auf den Weg, verließen den Wald und kamen zu Cao Zhengs Schenke. Yang Zhi führte Lu Zhishen herein und stellte ihn vor. Cao Zheng beeilte sich, Wein aufzutragen, und sie besprachen den Angriff auf den Erlong-Berg. Cao Zheng sagte: »Wenn die Pässe wirklich verriegelt sind, könntet ihr beide – nein, selbst zehntausend Mann – nicht hinaufkommen. So etwas kann man nur mit List nehmen, nicht mit Gewalt.« Lu Zhishen sagte: »Dieser elende Kerl! Als ich zu ihm kam, traf ich ihn nur vor dem Pass. Weil er mich nicht aufnehmen wollte, kämpften wir, und ich trat ihm in den Unterleib, dass er umfiel. Gerade als ich ihn töten wollte, kamen seine Leute und retteten ihn auf den Berg, dann schlossen sie diesen verdammten Pass. Egal wie ich unten schimpfe, er kommt nicht herunter zum Kampf.« Yang Zhi sagte: »Wenn es ein guter Ort ist, warum sollten wir uns nicht anstrengen, ihn zu nehmen!« Lu Zhishen sagte: »Es gibt eben keinen Weg hinauf; wir können nichts machen!«
Cao Zheng sagte: »Ich habe einen Plan, ich weiß nicht, ob er euch gefällt?« Yang Zhi sagte: »Ich höre mir den guten Plan an.« Cao Zheng sagte: »Befehlshaber, zieh dich nicht so an, kleide dich wie die Bauern hier im Dorf. Ich nehme den Stab und das Ritualmesser dieses geehrten Meisters, und mein Schwager mit sechs Leuten bringt den Meister gefesselt zum Berg. Ich mache einen lockeren Knoten. Dann rufen wir unten: ‘Wir sind Dorfwirte aus der Nähe; dieser Mönch kam in unsere Schenke, trank sich betrunken, weigerte sich zu zahlen und sagte, er würde Leute holen, um euer Lager anzugreifen. Da wir das hörten, fesselten wir ihn, als er betrunken war, und bringen ihn dem König als Geschenk.’ Dieser Kerl wird uns bestimmt auf den Berg lassen. Oben im Lager, wenn wir Deng Long treffen, ziehen wir am Seil, der lockere Knoten löst sich, ich reiche dem Meister seinen Stab, und ihr beiden Helden greift gemeinsam an – wohin soll dieser Kerl dann fliehen! Wenn wir ihn erledigt haben, werden die anderen sich nicht zu widersetzen wagen. Was haltet ihr von diesem Plan?« Lu Zhishen und Yang Zhi riefen zusammen: »Vortrefflich! Vortrefflich!« Ein Gedicht bezeugt es:
Ein Milchtiger, der sich Drache nennt, bleibt eitel Dunst;
Der Erlong-Berg birgt zwei Drachen in sich zur Gunst.
Wo Helden Treu und Recht vereint, da stimmt das Herz;
In höchster Not wird kluger Rat zum wahren Erz.
An jenem Abend aßen und tranken alle und bereiteten Reiseproviant vor. Am nächsten Morgen um die fünfte Wache standen sie auf und aßen sich satt. Lu Zhishens Gepäck blieb bei Cao Zheng zurück. An diesem Tag machten sich Yang Zhi, Lu Zhishen, Cao Zheng, sein Schwager und fünf, sieben Bauern auf den Weg zum Erlong-Berg. Gegen Mittag erreichten sie den Wald, zogen die Kleider aus, fesselten Lu Zhishen mit einem Seil und einem lockeren Knoten und ließen zwei Bauern das Seilende festhalten. Yang Zhi setzte einen breiten Sonnenhut auf, trug einen zerfetzten Stoffrock und hielt seine Hellebarde verkehrt herum. Cao Zheng trug seinen Stab. Alle anderen hatten Knüppel in der Hand und umringten sie von vorn und hinten. Als sie den Fuß des Berges erreichten und den Pass sahen, waren dort Armbrüste, starke Bogen, Kalktöpfe und Steinkugeln aufgestellt.
Die kleinen Häscher auf dem Pass sahen den gefesselten Mönch und meldeten es wie im Flug den Berg hinauf. Nach einer Weile kamen zwei kleine Anführer auf den Pass und fragten: »Woher seid ihr? Was wollt ihr hier? Wo habt ihr diesen Mönch gefangen?« Cao Zheng antwortete: »Wir sind Bauern aus den Dörfern am Fuß des Berges und betreiben eine kleine Schenke. Dieser dicke Mönch kommt oft zu uns, um Wein zu trinken. Er trank sich betrunken, weigerte sich zu zahlen und sagte: ‘Ich werde zum Liangshan-Sumpf gehen und tausend Leute holen, um diesen Erlong-Berg anzugreifen und eure Dörfer hier auszurotten!’ Da wir das hörten, gaben wir ihm guten Wein, bis er völlig betrunken war, fesselten diesen Kerl und bringen ihn dem König als Geschenk, um unsere Ergebenheit als Nachbarn zu zeigen und künftiges Unheil für unser Dorf zu vermeiden.«
Die beiden kleinen Anführer freuten sich sehr und sagten: »Gut! Wartet hier einen Augenblick.« Sie gingen den Berg hinauf und meldeten Deng Long, dass sie den dicken Mönch gefangen hätten. Deng Long war hocherfreut und rief: »Bringt ihn herauf! Ich will sein Herz und seine Leber als Imbiss essen, um meinen Groll zu stillen!« Die kleinen Häscher erhielten den Befehl, öffneten das Pass-Tor und riefen: »Bringt ihn herauf!«
Yang Zhi und Cao Zheng führten den gefesselten Lu Zhishen den Berg hinauf. Als sie die drei Pässe sahen, waren sie in der Tat steil und gefährlich: Die Berge umschlossen das Kloster von beiden Seiten. Die Gipfel waren mächtig und wild, und in der Mitte führte nur ein einziger Weg hinauf zu den Pässen. Auf den drei Pässen waren Fallbäume und Steinwurfgeschosse aufgestellt, starke Armbrüste und kräftige Bögen, und dichte Reihen von bitteren Bambusspeeren waren aufgereiht. Nachdem sie die drei Sperren passiert hatten, kamen sie zum Baozhu-Kloster. Vor ihnen lagen drei Hallentore und ein ebener Platz, spiegelglatt; ringsherum dienten hölzerne Palisaden als Stadtmauer. Vor dem Kloster unter dem Tor standen sieben oder acht kleine Banditen. Als sie den gefesselten Lu Zhishen sahen, zeigten sie mit den Fingern auf ihn und schimpften: „Du kahlköpfiger Esel! Du hast den König verletzt, und jetzt bist du gefangen! Langsam werden wir dich in Stücke schneiden!“ Lu Zhishen schwieg und sagte nichts. Als sie zur Buddha-Halle kamen, sahen sie, dass man die Buddha-Statuen herausgetragen hatte; in der Mitte stand ein mit Tigerfell bezogener Sessel. Viele kleine Banditen standen mit Speeren und Keulen zu beiden Seiten.
Nach einer Weile kamen zwei kleine Banditen heraus und führten Deng Long gestützt herbei, der sich in den Sessel setzte. Cao Zheng und Yang Zhi halfen Lu Zhishen fest an die Stufen heran. Deng Long sagte: „Du kahlköpfiger Esel! Neulich hast du mich umgeworfen und mir in den Unterleib getroffen, und bis heute ist die Schwellung blau und nicht verschwunden. Jetzt hast du mich endlich wiedergesehen!“ Lu Zhishen riss seine wilden Augen weit auf und brüllte: „Du Schuft, bleib stehen!“ Die beiden Knechte zogen an den Enden der Stricke, rissen die losen Knoten auf, und die Seile fielen ab. Lu Zhishen nahm Cao Zheng die Mönchskrücke ab und schwang sie wie im Flug. Yang Zhi warf seinen Strohhut weg, hob seinen Säbel und Cao Zheng schwang seine Keule. Alle Knechte brachen los und stürmten gemeinsam vorwärts. Deng Long versuchte sich zu wehren, aber Lu Zhishen traf ihn mit einem Schlag der Mönchskrücke am Kopf, spaltete ihm den Schädel in zwei Hälften und zerschmetterte sogar den Sessel. Von seinen Leuten waren bereits vier oder fünf von Yang Zhi niedergestochen worden. Cao Zheng rief: „Kommt alle her und ergebt euch! Wer nicht gehorcht, wird umgebracht!“ Die fünf- bis sechshundert kleinen Banditen und einige kleine Anführer vor und hinter dem Kloster waren vor Schreck wie betäubt und ergaben sich alle. Daraufhin ließ man die Leichen von Deng Long und den anderen zum hinteren Berg bringen und verbrennen. Dann begann man, die Vorratslager zu überprüfen, die Räume in Ordnung zu bringen, und zu sehen, was sich hinter dem Kloster befand. Einstweilen ließ man etwas Wein und Fleisch auftragen und aß. Lu Zhishen und Yang Zhi wurden die Herren des Berglagers, richteten ein Festmahl aus und feierten. Die kleinen Banditen ergaben sich alle, und es wurden wieder kleine Anführer eingesetzt, die sie befehligen sollten.
Cao Zheng verabschiedete sich von den beiden Helden, führte seine Knechte und kehrte nach Hause zurück. Davon sei nicht weiter die Rede. Es heißt:
Ein altes Kloster, versteckt im smaragdgrünen Grün,
Ward zum Räubernest, das falsches Mitleid heuchelte.
Der von Natur starke Blumenmönch,
Wurde, mit Knüppel und Messer spielend, der Abt.
Und ein weiteres Gedicht, das auch Yang Zhi betrifft:
Mit Weisheit half Erkenntnis dem Weisen,
Waldhelden wurden zu Herren des Klosters.
Dämonenbezwinger und Tigerbändiger, wahre Gesinnungsgenossen,
Unterm Tiergesicht – wer wusste da von buddhistischem Herzen?
Kehren wir zurück zu dem alten Hauptmann, der die „Geburtstags-Steuer“ eskortiert hatte, und den Begleitern. Sie reisten Tag und Nacht und kehrten eilig nach Peking, der nördlichen Hauptstadt, zurück. Sie kamen zum Amtssitz des Beamten Liang und warfen sich vor der Halle zu Boden, um ihre Schuld zu gestehen. Liang sagte: „Ihr habt auf dem Weg viel Mühsal erlitten, ich danke euch allen.“ Dann fragte er: „Wo ist Hauptmann Yang?“ Die Leute antworteten: „Das kann man nicht sagen! Der ist ein dreister und undankbarer Schurke! Fünf oder sieben Tage nachdem wir hier aufgebrochen waren, kamen wir zum Gelben-Lehm-Hügel. Da die Hitze groß war, ruhten wir uns im Wald aus. Unerwartet hatte Yang Zhi sich mit sieben Dieben verbündet, die sich als Dattelhändler verkleidet hatten. Yang Zhi verabredete sich mit ihnen, und sie schoben zuerst sieben Jiangzhou-Wagen in den Kiefernwald auf dem Gelben-Lehm-Hügel, um dort zu warten. Dann ließen sie einen Kerl einen Korb mit Wein zu dem Hügel bringen und dort abstellen. Wir hatten das Unglück, ihm den Wein abzukaufen, und der Schuft betäubte uns alle mit Betäubungstrank und fesselte uns mit Stricken. Yang Zhi und die sieben Diebe luden dann die Schätze der ‚Geburtstags-Steuer‘ und das Gepäck auf die Wagen und fuhren davon. Wir haben die Sache bereits beim zuständigen Bezirksamt in Jizhou gemeldet und zwei Unteroffiziere zurückgelassen, die dort beim Gericht warten, um die Diebe zu fangen. Wir anderen sind in Eile die ganze Nacht hindurch zurückgekehrt, um Euch, gnädiger Herr, zu unterrichten.“
Liang war entsetzt, als er das hörte, und schimpfte: „Dieser verbannte Sträfling! Du warst ein verurteilter Verbrecher, und ich habe dich aus allen Kräften gefördert, damit du ein anständiger Mensch wirst. Wie konntest du so eine ruchlose, undankbare Tat begehen! Wenn ich dich fange, werde ich dich in tausend Stücke hauen!“ Sofort rief er einen Schreiber und ließ ein Schriftstück aufsetzen. Noch in derselben Nacht schickte er einen Boten nach Jizhou, um es zu übergeben. Auch schrieb er einen Privatbrief und schickte einen Mann in der Nacht nach der östlichen Hauptstadt (Dongjing), um den Großkanzler zu benachrichtigen.
Während der Bote nach Jizhou unterwegs war, um das amtliche Schriftstück zu überbringen, reiste der andere Mann nach der östlichen Hauptstadt, ging zum Palast des Großkanzlers und übergab ihm den Brief. Großkanzler Cai schaute ihn an und war bestürzt: „Diese Bande von Dieben ist wirklich unverschämt! Im letzten Jahr haben sie die Geschenke meines Schwiegersohns geraubt und sind bisher nicht gefasst worden; dieses Jahr treiben sie wieder solchen Unfug. Wie könnte ich das auf sich beruhen lassen!“ Daraufhin ließ er ein amtliches Schreiben aufsetzen, das ein Beamter seines Hauses persönlich überbrachte. In Eile reiste dieser nach Jizhou und übergab es dem Präfekten mit der Weisung, die Diebesbande unverzüglich zu fangen und Meldung zu erstatten.
Der Präfekt von Jizhou hatte seit dem Eingang des Schreibens vom Militärgouverneur der nördlichen Hauptstadt täglich viel zu tun gehabt und war niedergeschlagen. Da meldete der Pförtner: „Ein Beamter aus dem Hause des Großkanzlers in der östlichen Hauptstadt ist vor der Halle eingetroffen und hat ein dringendes amtliches Schreiben, das er Euch, Herr, übergeben möchte.“ Der Präfekt erschrak und sagte: „Das wird wohl die Sache mit der ‚Geburtstags-Steuer‘ sein!“ In Eile begab er sich in die Amtssitzungshalle, um den Beamten zu treffen. Er sagte: „Diese Angelegenheit, ich habe bereits die Klageschrift der Unteroffiziere des Herrn Liang erhalten und Fahnder ausgesandt, um die Diebe zu verfolgen. Bisher gibt es keine Spur. Neulich schickte der Militärgouverneur erneut einen Boten mit einem Schreiben, und ich habe die Polizei und die Untersuchungsbeamten angewiesen, unter Androhung von Stockschlägen die Diebe zu fangen, aber bisher ohne Erfolg. Sollte es irgendeine Bewegung oder Nachricht geben, werde ich persönlich im Palast des Großkanzlers Bericht erstatten.“ Der Beamte sagte: „Ich bin ein vertrauter Diener im Hause des Großkanzlers. Auf seinen Befehl hin bin ich hierher geschickt worden, um diese Bande zu fassen. Vor meiner Abreise hat der Großkanzler persönlich befohlen, dass ich in dieser Präfektur bleiben und im Bezirksgerichtshof übernachten soll, um auf Euch, Herr, zu warten und die sieben Dattelhändler, den einen Weinverkäufer und den flüchtigen Offizier Yang Zhi, alle diese Diebe persönlich zu fassen. Die Frist ist zehn Tage, innerhalb derer sie vollständig gefasst und nach der östlichen Hauptstadt überstellt werden müssen. Wenn diese Angelegenheit nicht innerhalb von zehn Tagen erledigt ist, wird man Euch, Herr, wohl zuerst nach der Schamanen-Insel verbannen. Auch ich kann dann kaum in das Haus des Großkanzlers zurückkehren und weiß nicht, ob ich mit dem Leben davonkomme. Wenn Ihr, Herr, es nicht glaubt, seht Euch den Befehl des Großkanzlers an!“
Der Präfekt erschrak, als er das sah, und rief sofort die Fahnder herbei. Da ertönte von der Treppe eine Stimme, und ein Mann stand vor dem Vorhang. Der Präfekt fragte: „Wer bist du?“ Der Mann antwortete: „Ich bin der dreifache Polizeihauptmann He Tao.“ Der Präfekt sagte: „Bist du für den Überfall auf die ‚Geburtstags-Steuer‘ auf dem Gelben-Lehm-Hügel zuständig?“ He Tao antwortete: „Ich melde Euch, Herr: Seit ich diesen Auftrag übernommen habe, habe ich Tag und Nacht keine Ruhe gehabt. Ich habe scharfsichtige und flinke Leute meiner Abteilung zum Gelben-Lehm-Hügel geschickt, um hin und her zu fahnden. Obwohl ich schon mehrfach Stockschläge erhalten habe, habe ich bisher keine Spur gefunden. Nicht, dass ich, He Tao, die Behörde vernachlässige, aber es ist wirklich eine Notlage.“ Der Präfekt fuhr ihn an: „Unsinn! ‚Wenn die Oberen nicht streng sind, sind die Unteren nachlässig.‘ Ich habe den Weg des Gelehrten eingeschlagen und bin bis zu diesem Amt eines Bezirksfürsten aufgestiegen, was nicht leicht war! Heute ist ein Beamter aus dem Hause des Großkanzlers in der östlichen Hauptstadt hierher gekommen und hat den Befehl des Großkanzlers überbracht: Innerhalb von zehn Tagen müssen die Diebe persönlich gefasst und vollständig nach der Hauptstadt gebracht werden. Wenn die Frist überschritten wird, werde ich nicht nur mein Amt verlieren, sondern auch auf die Schamanen-Insel verbannt werden. Du bist ein Fahndungsbeamter, aber du tust nichts, und so bringst du Unheil über mich. Ich werde dich zuerst in eine ferne, wilde Militärkolonie verbannen, an einen Ort, den kein Vogel erreicht!“ Er rief einen Tätowierer und ließ auf He Taos Gesicht die Schriftzeichen „Verbannt nach … Bezirk“ einritzen, wobei der Name des Bezirks freigelassen wurde. Er verkündete: „He Tao, wenn du die Diebe nicht fängst, wirst du schwer bestraft, und es wird keine Gnade geben!“ Es heißt:
Das Gesicht als Vorlage war allzu boshaft,
Sich selbst in Sicherheit zu bringen, ließ andere leiden.
Das entstellte Antlitz brauchte keine weiteren Pläne,
Das eigene Herz hätte man auch gründlich bedenken sollen.
He Tao nahm den Befehl entgegen, ging aus der Halle in das Amtszimmer der Polizei und versammelte dort viele Beamte. Sie gingen alle in den geheimen Raum, um über die Angelegenheit zu beraten. Die Beamten sahen einander an, wie mit Pfeilen durchbohrte Gänseschnäbel oder mit Haken gefangene Fischmäuler, und keiner sprach ein Wort. He Tao sagte: „Ihr verdient gewöhnlich euer Geld in diesem Raum, aber jetzt, wo diese schwierige Sache ansteht, schweigt ihr alle. Ihr solltet auch Mitleid mit den Schriftzeichen haben, die mir ins Gesicht geritzt wurden.“ Die Leute sagten: „Wir melden Euch, Inspektor, wir sind nicht aus Holz oder Gras und verstehen das wohl. Aber diese Bande von angeblichen Kaufleuten sind sicher Räuber aus fremden Bezirken und fernen, wilden Berggegenden. Wenn man sie trifft, rauben sie einem sofort die Schätze und gehen dann fröhlich in ihr Berglager. Wie soll man sie fassen? Selbst wenn man es wüsste, könnte man sie nur einmal sehen.“ Als He Tao das hörte, hatte er ursprünglich nur fünf Teile Kummer; nach diesen Worten kamen noch fünf Teile dazu. Er verließ das Amtszimmer, stieg auf sein Pferd und ritt nach Hause. Dort band er das Pferd im hinteren Stall an. Ganz allein war er voller Unmut. Es heißt:
Auf den Brauen lastete eine dreifache eiserne Sperre,
Die Brust war angefüllt mit unermesslichem Kummer.
Wo findet man den Fisch, der aus dem Netz schlüpfte?
An wen wendet man sich, um die Schildkröte im Krug zu fangen?
Da fragte die Frau: „Mann, warum hast du heute dieses Gesicht?“ He Tao sagte: „Du weißt nicht, vorgestern gab mir der Präfekt einen schriftlichen Befehl, weil eine Bande von Banditen auf dem Gelben Lehmhügel elf Ladungen Gold, Perlen und Schätze geraubt hatte, die Liang Zhongshu seinem Schwiegervater, dem Großmeister Cai, zum Geburtstag schenken wollte. Man weiß nicht, was für Leute das waren. Seit ich diesen Befehl erhalten habe, habe ich sie bis heute nicht gefasst. Heute ging ich, um eine Fristverlängerung zu bitten, aber da schickte das Haus des Großmeisters schon einen Beamten, der sofort die Auslieferung dieser Banditen in die Hauptstadt verlangt. Der Präfekt fragte mich nach Neuigkeiten über die Banditen, und ich antwortete: ‚Ich habe noch keine Spur, niemanden gefasst.‘ Der Präfekt ließ mir ins Gesicht die Worte ‚Zur Verbannung nach … Bezirk‘ tätowieren, nur der Ort fehlt noch. Ich weiß nicht, wie es mit mir weitergeht!“ Die Frau sagte: „Wie kann das gut ausgehen? Was soll man da tun?“
Während sie sprachen, kam He Qings Bruder, um ihn zu besuchen. He Tao sagte: „Was willst du? Geh nicht spielen, sondern kommst hierher?“ He Taos Frau, die sehr klug war, winkte schnell und sagte: „Schwager, komm doch in die Küche, ich habe ein Wort mit dir zu reden.“ He Qing folgte seiner Schwägerin in die Küche und setzte sich. Die Schwägerin richtete etwas Fleisch, Wein und Gemüse her, wärmte ein paar Becher Wein und bat He Qing zu essen. He Qing fragte seine Schwägerin: „Der Bruder behandelt mich zu schlecht! Bin ich auch nur ein unwürdiger Mensch, so bin ich doch sein leiblicher Bruder! Wenn er auch noch so tüchtig ist, so ist er doch nur ein Polizeiinspektor. Hätte er mich nicht wenigstens zu einem Becher Wein einladen können? Was hätte ihn das gekostet?“ Die Schwägerin sagte: „Schwager, du weißt nicht, dein Bruder ist in einer schweren Lage!“ He Qing sagte: „Er verdient doch jeden Tag große Summen, wo bleiben die? Er hat Geld und Reis im Überfluss, was ist denn los?“ Die Schwägerin sagte: „Du weißt nicht, wegen der Sache auf dem Gelben Lehmhügel, wo neulich eine Gruppe von Dattelhändlern den ‚Geburtstagszug‘ von Liang Zhongshu aus Peking für den Großmeister Cai geraubt hat. Jetzt hat der Präfekt von Jizhou den Befehl des Großmeisters: Innerhalb von zehn Tagen müssen die Banditen gefasst und in die Hauptstadt gebracht werden. Wenn er die Täter nicht findet, wird er in eine abgelegene und gefährliche Garnisonsstadt verbannt. Hast du nicht gesehen, dass dein Bruder schon die Tätowierung ‚Zur Verbannung nach … Bezirk‘ im Gesicht hat? Nur der Ort fehlt noch. Wenn er sie bald nicht findet, wird er wirklich leiden! Wie könnte er da Lust haben, mit dir Wein zu trinken? Ich habe gerade erst das Essen für dich gerichtet. Er ist schon lange bedrückt, du darfst ihm das nicht übelnehmen.“
He Qing sagte: „Ich habe auch so undeutlich gehört, dass Banditen den ‚Geburtstagszug‘ geraubt haben. Wo war das?“ Die Schwägerin sagte: „Man sagt, es war auf dem Gelben Lehmhügel.“ He Qing sagte: „Was für Leute waren das?“ Die Schwägerin sagte: „Schwager, du bist doch nicht betrunken, ich habe es dir doch gerade gesagt: Sieben Dattelhändler haben ihn geraubt.“ He Qing lachte laut: „Ach so! Wenn man weiß, dass es Dattelhändler waren, warum ist man dann noch so bedrückt? Warum schickt man nicht schlaue Leute, sie zu fangen?“ Die Schwägerin sagte: „Du redest, als ob es einfach wäre, aber man weiß nicht, wo sie sind.“ He Qing lachte: „Schwägerin, du machst dir Sorgen umsonst. Mein Bruder hat doch immer eine Schar guter Freunde, mit denen er isst und trinkt, aber seinen leiblichen Bruder beachtet er nicht. Jetzt, wo er in Not ist, sagt er, er wisse nicht, wo sie sind. Wenn ich es wüsste, könnte ich ein paar Münzen verdienen, und diese kleinen Banditen wären leicht zu fangen!“ Die Schwägerin sagte: „Schwager, hast du vielleicht etwas gehört?“ He Qing lachte: „Warte, bis mein Bruder in der größten Not ist, dann werde ich einen Weg finden, ihm zu helfen.“ Damit stand er auf und wollte gehen. Die Schwägerin hielt ihn zurück, noch zwei Becher zu trinken.
Die Frau fand diese Worte seltsam und eilte zu ihrem Mann, um ihm alles genau zu erzählen. He Tao ließ sofort seinen Bruder zu sich rufen. Mit einem Lächeln sagte He Tao: „Bruder, wenn du weißt, wo die Banditen sind, warum rettest du mich nicht?“ He Qing sagte: „Ich weiß nichts, ich habe nur mit der Schwägerin gescherzt. Wie könnte ein Bruder wie ich den anderen retten?“ He Tao sagte: „Guter Bruder, sei nicht so kalt und gleichgültig. Denk an meine guten Seiten und vergiss meine schlechten, rette mir das Leben!“ He Qing sagte: „Bruder, du hast doch viele scharfsichtige und flinke Leute unter dir, zweihundert oder dreihundert. Warum helfen sie dir nicht kräftig? Was kann ich allein schon ausrichten!“ He Tao sagte: „Rede nicht von ihnen, deine Worte haben einen Hintersinn. Gib es nicht anderen, um sich als Helden aufzuspielen. Sag mir wenigstens eine Richtung, ich werde es dir schon vergelten. Wie soll ich sonst ruhig werden!“ He Qing sagte: „Was für eine Richtung? Ich weiß nichts!“ He Tao sagte: „Quäle mich nicht, denk an die Bruderliebe von derselben Mutter.“ He Qing sagte: „Keine Eile. Warte, bis die Not am größten ist, dann werde ich selbst etwas tun und diese kleinen Banditen fangen.“ Die Schwägerin sagte: „Schwager, hilf deinem Bruder notdürftig, das ist doch Bruderpflicht. Jetzt, wo der Befehl des Großmeisters sofortige Auslieferung dieser Leute verlangt, ist es eine riesige Sache, und du nennst sie kleine Banditen!“ He Qing sagte: „Schwägerin, du weißt, dass ich nur wegen des Spielens viel Schelte von meinem Bruder bekommen habe. Aber bei Schlägen oder Beschimpfungen habe ich nie gestritten. Wenn es etwas zu essen oder zu trinken gab, freute er sich nur mit anderen, heute bin auch ich einmal nützlich.“
He Tao, der einen Anhaltspunkt in den Worten seines Bruders sah, holte schnell zehn Silberlinge, legte sie auf den Tisch und sagte: „Bruder, nimm vorläufig dieses Silber. Wenn die Banditen gefasst sind, werde ich für die Belohnungen an Gold, Silber und Seide sorgen.“ He Qing lachte: „Bruder, du bist wie einer, der ‚in der Not den Buddha anbetet, aber in Friedenszeiten kein Räucherwerk verbrennt‘. Wenn ich dein Silber wollte, wäre das eine Erpressung. Behalte es nur, versuche nicht, mich damit zu ködern. Wenn du das tust, sage ich nichts. Da ihr beiden nun freundlich zu mir redet, will ich es dir sagen. Aber steck das Silber weg, erschreck mich nicht damit.“ He Tao sagte: „Das Silber ist eine Belohnung von der Behörde, wie könnte es nicht dreihundert bis fünfhundert Münzen wert sein? Bruder, lehne nicht ab. Ich frage dich: Wo haben diese Banditen ihren Ursprung?“ He Qing schlug sich auf die Schenkel und sagte: „Diese Banditen, ich habe sie alle in meiner Tasche!“ He Tao erschrak: „Bruder, wie kannst du sagen, dass die Banditen in deiner Tasche sind?“ He Qing sagte: „Bruder, frag nicht, sie sind alle hier bei mir. Steck das Silber weg, versuch nicht, mich damit zu täuschen. Zähl nur auf die brüderliche Liebe. Jetzt will ich es dir sagen.“
He Qing hob gemächlich zwei Finger und begann zu sprechen. Und dies führte dazu, dass im Kreis Yuncheng ein tapferer Held hervortrat und sich auf dem Liangshan-Moor eine Schar von Himmelsstürzern versammelte. Wen He Qing nun seinem Bruder He Tao nannte, das hört ihr in der nächsten Geschichte.
