
Die Reise nach Westen
Die Reise nach Westen (Xiyouji) zählt zu den vier großen klassischen Romanen der chinesischen Literatur und wurde von dem berühmten Romancier der Ming-Dynastie, Wu Cheng’en, auf der Grundlage volkstümlicher Überlieferungen und älterer Erzählfassungen geschaffen. Dieser umfangreiche phantastische Roman über Götter und Dämonen greift auf das historische Ereignis der Pilgerreise des Mönchs Xuanzang aus der Tang-Dynastie nach Tianzhu (dem alten Indien) zurück, um heilige Schriften zu erlangen. Durch die reiche künstlerische Vorstellungskraft und übersteigerte Bearbeitung des Autors entsteht eine schillernde, von Ungeheuern wimmelnde mythologische Welt. Der Roman gilt nicht nur als Höhepunkt der romantischen Literatur des alten China, sondern auch als ein glänzender Edelstein im Schatzhaus der Weltliteratur.
Der Gesamtaufbau des Romans gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil schildert ausführlich die Herkunft Sun Wukongs, seine Thronbesteigung auf dem Blumen- und Früchteberg, seine Lehrzeit in den Künsten der Unsterblichkeit sowie sein legendäres Unternehmen, den Himmel in Aufruhr zu versetzen – und formt so das Bild eines Helden, der nach Freiheit strebt und sich gegen die Autorität des Himmelshofes auflehnt. Der zweite Teil fasst kurz die Geburt des Tang-Mönchs und die Beweggründe für seine Schriftenreise zusammen. Der dritte Teil, das Kernstück des Buches, schildert, wie der Tang-Mönch unter der Führung der Göttin Guanyin die Jünger Sun Wukong, Zhu Bajie und Sha Wujing an sich bindet. Die vier Meister und Schüler sowie das weiße Drachenpferd durchleben neunundachtzig Prüfungen, bezwingen unterwegs alle Dämonen und Ungeheuer und gelangen schließlich zum Donnerhall-Kloster im Westen, wo sie die heiligen Schriften erlangen und die vollkommene Erleuchtung erlangen.
In der Gestaltung der Figuren offenbart Die Reise nach Westen außergewöhnliches künstlerisches Können. Sun Wukong ist klug und mutig, hasst das Böse wie einen Todfeind und verkörpert die Vereinigung von Weisheit und Stärke. Zhu Bajie ist gefräßig und lüstern, einfältig und liebenswert; trotz mancher Schwächen tritt er in entscheidenden Augenblicken doch mutig hervor und ist die menschlichste aller Gestalten. Der Tang-Mönch ist von barmherziger Güte, doch oft von sterblicher Blindheit und eigensinniger Verbohrtheit. Sha Heshang hingegen ist unermüdlich treu und ergeben. Die Charaktere der vier Meister und Schüler ergänzen einander und offenbaren in Scherz, Zorn, Spott und Hohn die vielschichtige Abgründigkeit der menschlichen Natur, was den gesamten Roman mit einer dichten komischen Färbung und lebendiger Alltagsatmosphäre erfüllt.
Die Reise nach Westen ist äußerlich eine märchenhafte Geschichte vom Kampf gegen Monster und Aufstieg durch Prüfungen, birgt aber in Wahrheit tiefgreifende Gesellschaftssatire und Lebensweisheit. Der Roman verspottet nicht nur die korrupte und unfähige Bürokratie sowie die gesellschaftlichen Missstände der mittleren und späten Ming-Dynastie, sondern deutet durch die Erzählung, dass erst nach bestandenen Leiden die vollkommene Frucht erlangt wird, eine Metapher für den menschlichen Läuterungsweg an – nur wer die inneren Begierden, die Anhaftungen und die äußeren Versuchungen besiegt, kann endgültige Erleuchtung und Erhebung erlangen. Seit Jahrhunderten erfreut sich Die Reise nach Westen mit seiner überschäumenden Fantasie, seinem humorvollen Stil und seiner tiefgründigen Bedeutung der Zuneigung von Lesern aller Altersstufen und bewahrt seine Frische bis in die Gegenwart.
